Ärzte Zeitung, 18.01.2016

Arzneipolitik

AMNOG soll auf Prüfstand

Das Ende des Dialogs zwischen der Regierung und der Pharmaindustrie rückt näher. Das AMNOG wird überholt.

Von Anno Fricke

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Profitieren alle Patienten vom AMNOG gleichermaßen?

© Fuse / Thinkstock.com

BERLIN. Die Koalition setzt die Arzneimittelpolitik wieder auf die Agenda. Das hat der Unions-Gesundheitspolitiker Michael Hennrich (CDU) am Freitag in Berlin angekündigt.

"Sie können sich sicher sein, dass das Thema Arzneimittel nach Abschluss des Pharmadialogs in den kommenden Wochen und Monaten in den Mittelpunkt rückt", sagte Hennrich bei einer Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Recht und Politik im Gesundheitswesen (GRPG).

Der Kern des Interesses soll dabei auf dem Verordnungsverhalten der Ärzte liegen. Es müsse der sichergestellt werden, dass die mit den Verfahren des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes identifizierten Innovationen den Patienten schnell zur Verfügung stünden.

"Im Alltag kommen die Bewertungen des AMNOG beim einzelnen Arzt nicht an", sagte Hennrich. Nachgedacht werde auch über ein Ende des Mischpreissystems. Je nach Ausmaß des Zusatznutzens für einzelne Subpopulationen gestaffelte Preise seien denkbar.

Harte Endpunkte kaum festzumachen

Auf die Tagesordnung werde die Bewertung von Innovationen zur Behandlung chronischer Erkrankungen wie Diabetes mellitus gesetzt, kündigte Hennrich an.

Neue Arzneien zur Behandlung dieser Volkskrankheit haben es im AMNOG-Verfahren schwerer, einen Zusatznutzen zu belegen, weil anders als bei Onkologika harte Endpunkte wie zum Beispiel die mediane Überlebenszeit kaum festzumachen sind.

Hier werde der Gesetzgeber indirekt eingreifen können, indem er auf das Binnenverhältnis zwischen Gemeinsamem Bundesausschuss (GBA) und dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen einwirke.

Denkbar wären an dieser Stelle auch Lockerungen an der Preisfront.In den Blick nehmen werde der Gesetzgeber auch Innovationen, bei denen es zu therapeutischen Verbesserungen komme, ohne dass die Schwelle zum Zusatznutzen überschritten werde.

Dies betrifft zum Beispiel Darreichungsformen für Kinder oder ältere Menschen.Vorläufig nicht anfassen wolle der Gesetzgeber das Rabattsystem. Es sei fraglich, ob Lieferengpässe tatsächlich darauf zurückzuführen seien.

Es sei eine spannende Frage, ob das AMNOG an sich eine Verzerrung dahingehend verursache, dass die Forschung in bestimmte Nischen gelenkt werde, merkte der Gesundheitsökonom Professor Volker Ulrich von der Universität Bayreuth dazu an.

Ruf nach stärkerer Konvergenz

Das AMNOG wirke als Kostendämpfungsinstrument und berücksichtige in der Praxis die Versorgungsaspekte nicht ausreichend, sagte Dr. Markus Frick vom Verband forschender Arzneimittelunternehmen (vfa).

Für die Unternehmen sei eine stärkere Konvergenz der Zulassungsverfahren und der Nutzenbewertung dringlich. Zudem sollten Nutzenvergleiche und Preisfindung sauber getrennt werden. In der Praxis bedürfe es einer stärkeren Anerkennung der Wirtschaftlichkeit der verhandelten Erstattungsbeträge.

Ob das AMNOG-Verfahren zur Bewertung neuer Therapien überhaupt sinnvoll ist, fragte der Internist Professor Heiner Wedemeyer, Leitender Oberarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Die Einführung der neuen Therapien zur Behandlung chronischer Infektionen der Leber wie Sovaldi® und seine Nachfolgerpräparate werfe solche Fragen auf. Für 2015 müsse alleine für die Hepatitis C-Therapie mit Kosten von 1,3 Milliarden Euro gerechnet werden.

Gleichzeitig zeigten aktuelle Modulationen, dass die HCV-Infektion in Deutschland bis zum Jahr 2025 eliminiert werden könnte, wenn konsequent alle Patienten behandelt werden würden, sagte der Hepatologe.

Und zwar nicht mit Impfung oder Prävention, sondern mit einer Therapie. "Die Hepatitis C-Therapie wäre dann nicht nur kosteneffektiv, sondern langfristig sogar kostensparend."

Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Ärzte (AkdÄ), Professor Wolf-Dieter Ludwig, hält dennoch eine Kosten-Nutzen-Bewertung neuer Arzneimittel für unumgänglich. Es bedürfe mehr an Erkentnntisgewinnen nach der Zulassung.

Zum Zeitpunkt der frühen Nutzenbewertung bestünden erhebliche Erkenntnis-Defizite. Innovation sei nicht automatisch Fortschritt. "Erhält ein Wirkstoff vom GBA einen nicht quantifizierbaren Zusatznutzen zugeschrieben, bedeutet das: Wir wissen gar nix!", sagte Ludwig.

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