Ärzte Zeitung online, 07.09.2016

Zytostatika

Harte Kontroverse zwischen Ärzten und Kassen

Ärzte und Apotheker fordern ein Ende derAusschreibungen für Zytostatika. Die Krankenkassen halten dagegen und reklamieren Verbesserungen der onkologischen Versorgung für sich.

Von Anno Fricke

Harte Kontroverse zwischen Ärzten und Kassen

Versorgung mit Zytostatika: Eine Patientin erhält eine Chemotherapie in einer onkologischen Praxis.

© Mathias Emert

BERLIN. Ärzte und Apotheker sorgen sich um die onkologische Versorgung in Deutschland. Grund sind die Ausschreibungen einiger Krankenkassen für patientenindividuell zubereitete Chemotherapien, die Zytostatika.

Diese stellten eine Gefährdung der Therapiehoheit der Ärzte dar, haben am Mittwoch in Berlin acht Fachgesellschaften gemeinsam verdeutlicht. Es komme zu Terminproblemen und Lieferengpässen.

Der Markt der Zytostatika und parenteralen Lösungen ist um die drei Milliarden Euro im Jahr schwer. Über die Ausschreibungen soll an dieser Stelle gespart werden. Es wundert daher nicht, dass der AOK-Bundesverband in einer ersten Reaktion schweres Geschütz auffuhr.

"Kompletter Unsinn"

Es sei "kompletter Unsinn", dass durch Ausschreibungen Chaos entstehe oder die Versorgungsqualität sinke, betonte der Chef des AOK-Bundesverbands Martin Litsch. Ärzte und Apotheker nutzten gezielte Desinformation, um auf dem Rücken der Patienten gezielt Ängste zu schüren. Der praktische Nutzen für die Patienten bestehe in einer Verkürzung der Lieferwege.

Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz haben Ärzte- und Apothekerverbände sowie wissenschaftliche Fachverbände wie die Deutsche Krebsgesellschaft nun politische Konsequenzen gefordert.

Der Gesetzgeber solle die noch laufenden Verfahren der Arzneimittelgesetzgebung nutzen, um die Ausschreibungen wieder zu beenden. Der Paragraf, der den Kassen entsprechende Verträge erlaube, solle aus dem Sozialgesetzbuch gestrichen werden.

Schwere Vorwürfe erhob der Vertreter des Berufsverbands der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen, Professor Stephan Schmitz. Patienten der niedergelassenen Onkologen würden von einer AOK angeschrieben oder angerufen. Die Kasse lasse Details zu Inhalt und Ablauf der onkologischen Behandlungen erfragen.

Rote Linie noch nicht überschritten?

"Diese rote Linie ist meiner Ansicht nach bisher im Gesundheitssystem noch nicht überschritten worden", empörte sich Schmitz. Die Kasse versuche das Vertrauensverhältnis zwischen Art und Patient zu stören. Eine solche Grenzüberschreitung sei nicht zu akzeptieren.

Bislang haben die AOKs in Rheinland-Hamburg, in Hessen und in Berlin zum Instrument der Ausschreibung gegriffen, teilweise schon seit Jahren. Ein aktuelles Urteil des Bundessozialgerichts hat die Praxis der Ausschreibung bestätigt.

Es gebe kein freies Apothekenwahlrecht für Versicherte bei der Versorgung mit Zytostatika, urteilten die Kasseler Sozialrichter. Daraufhin haben auch die Ersatz- und Betriebskrankenkassen mit Ausschreibungen begonnen beziehungsweise sind solche in Planung.

Die Ausschreibungen gelten als nachteilig vor allem für Patienten, bei denen eine Chemotherapie von der Tagesform abhängig ist. Sie erhalten vom Arzt üblicherweise eine Ad hoc-Therapie während der Konsultation verschrieben.

Diese Verfahren seien in der Zusammenarbeit von Ärzten und Apotheken gut erprobt. Würden diese Kooperationen durch die Ausschreibungen gesprengt, sei die kurzfristig angesetzte Applikation nicht mehr ohne weiteres möglich, warnen Ärzte. "Ich halte es für skandalös, wenn Patienten, die existenziell auf ein Medikament angewiesen sind, den ganzen Tag lang auf ein Zytostatikum warten müssen", sagte der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Ärzte Professor Wolf-Dieter Ludwig am Mittwoch in Berlin.

Unumstritten sind die Ausschreibungen aber auch auf Kassenseite nicht. Er sei kein großer Fan von Ausschreibungen für Zytostatika, sagte der Vorstandsvorsitzende der Techniker Krankenkasse Dr. Jens Baas am Mittwoch in Berlin. Die Ausschreibungen seien jedoch das einzige Instrument, um an das Preisgefüge von Zytostatika heranzukommen. (Mitarbeit fst)

[08.09.2016, 11:45:03]
Dirk Bürger 
Ehrenwerte Kritik oder doch nur einseitige Interessenswahrung?
Es verwundert und läßt doch auch ein stückweit an der wissenschaftlichen Redlichkeit zweifeln, wenn „acht Fachgesellschaften“ allen Ernstes behaupten, dass durch diese Ausschreibungen „(…) eine Gefährdung der Therapiehoheit der Ärzte“ entstehen würde. Tatsache ist doch so, dass nun der Vertragspartner „Apotheke“ durch die Krankenkasse ausgesucht wird und nicht mehr durch den Onkologen – was dieser übrigens auch nur im Spezialfall der parenteralen Onkologika darf (§ 11 Abs. 2 Apothekengesetz). Die Ausschreibungen greifen weder in die Art und Weise der medizinischen Versorgung ein noch „rauben" sie dem Onkologen die Therapiefreiheit. Die einzige „Freiheit“ die eingeschränkt wird, ist die, sich „seinen“ Apotheker aussuchen zu können. Wer da anderes behauptet hat entweder nicht richtig gelesen oder handelt bewußt irreführend!

Interessant ist auch ein weiterer Blick auf die Fakten: Durch die Ausschreibungen wird gerade die regionale Versorgungsstruktur durch diese Spezialapotheker gestärkt. Denn bei Ausschreibungen wird auch eine Vorgabe zur Erreichbarkeit gemacht, so z. B. dass eine „Ad hoc“-Versorgung innerhalb von 45 min. durch den Apotheker gewährleistet sein muss. Wie das in der Vergangenheit gewährleistet wurde, wo stellenweise zwischen Onkologen und „liefernder“ Apotheke mehr als 500 Km Distanz (z. B. Hamburg – Köln, Hamburg – Leipzig) zu überwinden waren, blenden die sogenannten Fachgesellschaften in ihrer Kritik an den Ausschreibungen wohlfeil aus, schade um die Glaubwürdigkeit!
Herzliche Grüße
Dirk Bürger
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[08.09.2016, 09:40:28]
Walter Werner 
Ausschreibung von Zytostatika
Schon vor vielen Jahren hat die "Abel Studie", auch im Spiegel auszugsweise veröffentlicht, nachgewiesen, wie sinnlos manche Chemotherapeutika bei den verschiedensten Krebserkrankungen sind. Wirklich wirksam ist auch heute nur eine Hand voll Medikamente aus dem Chemotherapiebereich. Eine Eindämmung der möglichst breiten Streuung eines Pharmaproduktes zur Therapie von Krebserkrankungen und zur Gewinnmaximierung macht deshalb auch heute in meinen Augen noch Sinn, wenn man am Budget der einzelnen Krankenkassen Einsparungen vornehmen will. Das Problem auf der ärztlichen Seite wird wohl nicht die Verfügbarkeit eine Therapeutikums für eine Krebserkrankungen sein, und damit die Einschränkung der ärztlichen Tatigkeit, sondern eher die schwierige Aufgabe der Realität entsprechend in angemessener und Hoffnung spendender Form dem Patienten die Wahrheit über seine Erkrankung verträglich darzustellen.  zum Beitrag »

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