Ärzte Zeitung, 18.10.2016

In der Pipeline

Arzneihersteller erwarten einen Innovationsschub

Krebs, Multiple Sklerose, Alzheimer – in den Pipelines der Pharmakonzerne stehen Mittel gegen die bedrohlichen Krankheiten unserer Zeit im Vordergrund. Der Blick auf Krankheiten wird dabei immer differenzierter.

Arzneihersteller erwarten einen Innovationsschub

Die Entwicklung neuer Arzneimittel läuft auf Hochtouren.

© nicolas / i Stock

FRANKFURT. Millionen Patienten hoffen, dass Pharmakonzerne Arzneimittel gegen Krebs, Alzheimer oder andere Krankheiten entwickeln. Weil die Forschung Krankheiten immer tiefer ergründet und in immer kleinere Gruppen unterteilt, wird es aber schwieriger, Blockbuster – also Medikamente mit Milliardenumsätzen – auf den Markt zu bringen.

Im vergangenen Jahr gab es nach Angaben des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) mehr als 300 Neuentwicklungen, bei denen eine Zulassung bis 2019 möglich erschien. Mehr als ein Drittel davon sind Therapien gegen Krebs.

Das liegt einerseits an der Häufigkeit und Bedrohlichkeit der Krankheit – laut Robert-Koch-Institut gibt es in Deutschland jährlich 500 000 Neuerkrankungen und Statistiken zufolge 230 000 Todesfälle. Andererseits profitiert die Industrie heute von der Grundlagenforschung seit Ende der 1980er Jahre. Ein Hoffnungsträger ist derzeit die Immunonkologie, bei der die körpereigene Immunabwehr zum Kampf gegen Krebs mobilisiert wird.

72 Impfstoffe in der Entwicklung

Viel wird auch gegen Entzündungs- oder Autoimmunkrankheiten entwickelt. Dazu gehören neben der Multiplen Sklerose (MS) auch Gelenkrheuma, Asthma und entzündliche Darmerkrankungen. Außerdem wird an neuen Antibiotika gearbeitet, um Bakterien trotz zunehmender Resistenzen bekämpfen zu können.

Dazu kommen Impfstoffe: 72 neue Impfungen werden laut vfa derzeit gegen 26 Krankheiten in Studien erprobt. "Zum einen gewinnen früher wenig beachtete Krankheiten wie Ebola, Zika oder Dengue-Fieber an Bedeutung. Zum anderen lassen sich heute durch technologische Fortschritte früher unvorstellbare Impfstoffe entwickeln", sagt Siegfried Throm, Geschäftsführer Entwicklung beim vfa.

Das größte Umsatzpotenzial haben laut Siegfried Bialojan, Pharmaexperte von der Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY), die immunonkologischen Präparate. "Sie könnten in die Nähe von Blockbustern kommen", sagte er. Durch die zunehmende Kategorisierung der Krebserkrankungen würden zwar die einzelnen Patientengruppen kleiner, insgesamt blieben sie aber angesichts der hohen Gesamtzahl der Erkrankten groß. So will das Darmstädter Unternehmen Merck noch in diesem Jahr mit dem US-Konzern Pfizer für Avelumab einen ersten Zulassungsantrag stellen. "Merck könnte mit Avelumab einen Blockbuster haben", schätzt Bialojan, "für die Unternehmen wäre es ein wahnsinniger Schritt voran".

Dringend suchen Forscher nach einem Mittel zur Behandlung von Alzheimer. Viele Pharmafirmen haben sich an dieser Demenz-Krankheit in den vergangenen Jahren die Zähne ausgebissen, jetzt gibt es wieder eine ganze Reihe neuer Ansätze. "Alzheimer ist das nächste große Thema in der Pharmaforschung", sagt Bialojan. Im Vergleich zur Onkologie ist die Grundlagenforschung hier aber komplexer, das Gehirn des Menschen ist schwieriger zu erforschen. Bisher geht es um Mittel, die die Krankheit verlangsamen. Etwas, das sie komplett aufhält, hat noch niemand entdeckt.

Biotech auf dem Vormarsch

Bei den vfa-Mitgliedsunternehmen werden mittlerweile 40 Prozent der neuen Wirkstoffe in den Pipelines biotechnologisch hergestellt. "Das ist vor allem einem sehr vielseitigen Wirkstoff-Typ zu verdanken: den monoklonalen Antikörpern", sagt vfa-Geschäftsführer Throm.

Einen weiteren Schub bei biopharmazeutischen Therapien erwartet der Pharmazeut durch das neue Crispr-Cas-System. Forscher erhoffen sich Lösungen im Kampf gegen Erbkrankheiten. Kritiker befürchten dagegen ethisch fragwürdige Eingriffe in die menschliche DNA. Experten gehen davon aus, dass es noch Jahre dauern wird, bis darauf basierende Therapien zugelassen werden. (dpa)

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