Ärzte Zeitung, 23.08.2013

Interview

Patienten bei der Nutzenbewertung einbeziehen!

Vor gut einem halben Jahr hat Dr. Iris Zemzoum den Vorsitz in der Geschäftsführung beim Pharmakonzern Janssen übernommen. Ihr Zwischenfazit nach den ersten Erfahrungen mit der frühen Nutzenbewertung ist eindeutig: Das Verfahren ist zu sehr kostengetrieben.

Das Interview führte Wolfgang van den Bergh

Ärzte Zeitung: Frau Dr. Zemzoum, über die Arzneimittelforschung hinaus verfolgt Ihr Unternehmen seit Jahren das Ziel, konkrete Versorgungslösungen anzubieten. Wie weit sind Sie hier gekommen?

Dr. Iris Zemzoum: Ich denke, hier sind wir Vorreiter, und das auch innerhalb unseres Konzerns, der weltweit agiert. Wir brauchen Innovationen, um Krankheiten zu bekämpfen. Wir sind aber auch auf den Arzt und die Beteiligung des Patienten angewiesen, wenn wir den Therapieerfolg erzielen wollen.

Dr. Iris Zemzoum

Aktuelle Position: Seit Dezember 2012 Vorsitzende der Geschäftsführung der Janssen-Cilag GmbH, Deutschland

Karriere: 2010 bis November 2012 Vorsitzende der Geschäftsführung der Bristol-Myers Squibb, Schweiz

2003 - 2010 verschiedene strategische Führungsaufgaben bei Bristol-Myers Squibb in der Medizin und im Marketing in Deutschland (München) sowie international (Brüssel, Paris)

Werdegang/Ausbildung: 2008 Abschluss des Executive MBA an der Business School INSEAD in Fontainebleau (Frankreich)

bis 2003 Frauenklinik des Klinikums Rechts der Isar der Technischen Universität München, unter anderem als Co-Investigator internationale multizentrische onkologische Studien (Phase II-IV) zum Mamma Karzinom

2001 Abschluss des Studiums der Medizin an der Technischen Universität München und Promotion an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Sie sprechen von Kooperationen. Wie schwer ist es, Partner zu finden, die bereit sind, sich aktiv an solchen Projekten zu beteiligen?

Dr. Iris Zemzoum: Sicherlich wird es immer wieder kritisch beäugt, wenn sich ein pharmazeutisches Unternehmen in Bereiche vorwagt, die klassischerweise nicht unbedingt seiner Rolle entsprechen. Hier hilft es, frühzeitig Vertrauen aufzubauen. Dabei spielen Transparenz und Offenheit eine große Rolle - das gilt für Ärzte gleichermaßen wie auch für Krankenkassen.

Sie setzen auf den Dialog: Dazu gehört auch die Einbeziehung der Patienten. Welche Aktivitäten haben Sie bisher unternommen ?

Dr. Iris Zemzoum: Die Einbindung des Patienten ist extrem wichtig. Ich nenne Ihnen das Beispiel Psoriasis. Hier haben wir Patienten-Präferenzstudien gemacht, um herauszufinden, welche Bedürfnisse die Patienten haben.

Unser Ansatz ist es, die Therapie mit den individuellen Bedürfnissen und den Alltagsproblemen des Patienten in Einklang zu bringen. Das versuchen wir in Studien herauszufinden, in denen sich Patienten etwa bereit erklären, ein Tagebuch zu führen. Darauf basierend haben wir ein Online-Coaching-Programm konzipiert, das Arzt und Patienten bei der Therapie unterstützt.

Mit der Formel "Dialog" geht Janssen auf die Jugend zu: Wie werden die Aktivitäten des von Janssen initiierten Young Lions Gesundheitsparlaments angenommen? Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Dr. Iris Zemzoum: Ganz spannende. Wir brauchen die junge Generation mit ihren neuen Ideen, die aber auch Vorschläge, die es schon gibt, weiterentwickeln. Daran arbeiten 80 junge Leute aus den verschiedensten Fachrichtungen - angehende Mediziner, Ökonomen, Juristen oder auch Pflegekräfte. Sie konnten sich für unser Parlament bewerben. Dabei folgt das Young Lions Gesundheitsparlament der Struktur des Bundestages.

Ganz aktuell gibt es einen Zwischenbericht. Worum geht‘s da?

Dr. Iris Zemzoum: Wesentliche Punkte sind die Finanzierung und Organisation des Gesundheitssystems sowie eine stärkere Patienten-Beteiligung. Diese Themen werden mit den Kennern der Branche diskutiert. In bereits acht Gesprächen konnten die Young Lions bei Bundestagsabgeordneten das Interesse an den Themen wecken. Weitere Termine sind in Sicht. Zudem ist die Auseinandersetzung mit den Themen gerade jetzt im Vorfeld der Bundestagswahl extrem spannend.

Stichwort Bundestagswahl: Lassen Sie uns den Einstieg unseres Gesprächs zur "frühen Nutzenbewertung" aufgreifen. Wie sieht Ihre Bilanz nach zwei Jahren AMNOG aus?

Dr. Iris Zemzoum: Ich sehe das sehr differenziert. Selbstverständlich wollen wir innovative Medikamente auf den Markt bringen und daher scheuen wir nicht die Nutzenbewertung: Voraussetzung dafür ist allerdings ein objektives und faires Prozedere. Wir alle haben in den vergangenen zwei Jahren viel dazu gelernt.

Janssen-Cilag GmbH

Branche: Pharmaunternehmen, Tochtergesellschaft des Healthcare-Konzerns Johnson & Johnson, Nummer 10 der forschenden Pharmaunternehmen in Deutschland (2012, Quelle IMS)

Sitz: Neuss

Gründung: 1959

Mitarbeiter: Weltweit: 40.000, Deutschland: 800

Forschungsschwerpunkte: Onkologie (Hämatoonkologie, Prostatakrebs, Brust- und Eierstockkrebs), Immunologie (z.B. Dermatologie, Gastroenterologie, Pneumologie), Neurologie/Psychiatrie (z.B. Schizophrenie, Demenz, Schmerz), Infektiologie und Impfstoffe (z.B. HIV/AIDS, Hepatitis, Tuberkulose, Influenza), Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen (z.B. Diabetes)

Seit 2003 18 Neueinführungen, die 77 % des Umsatzes erzielen. (2012, Quelle IMS)

Inwiefern?

Dr. Iris Zemzoum: Ich glaube nicht, dass einer von uns den enorm hohen administrativen Aufwand hat voraussagen können. Wenn Sie davon ausgehen, dass die Dossiers etwa 400 bis 1000 Seiten umfassen und jede Seite etwa 1000,- Euro kostet, bedeutet das ein zusätzliches Investment, mit dem man früher nicht konfrontiert war. Für jedes Dossier fallen im Durchschnitt etwa 10.000 Arbeitsstunden an. Daraus folgt: Wir müssen den administrativen Prozess deutlich zurückfahren.

Und ich sage auch, dass wir nicht mit jeder Entscheidung einverstanden waren - etwa wenn Produkte einen Orphan-Drug-Status haben, und dann in der Bewertung nur ein geringer Zusatznutzen zuerkannt wird.

Wenn Sie auf Ihre Forschungs-Pipeline blicken: Können Sie inzwischen Ihre Zulassungsstudien auf die Anforderungen der Nutzenbewertung abstimmen?

Dr. Iris Zemzoum: Das wäre wünschenswert. Es wird aber schwierig sein, alle Kriterien, die von deutscher Seite gefordert werden, auf internationaler Ebene einfließen zu lassen.

Das Thema Kommunikation mit dem GBA wird immer wieder als Problem genannt, sehen Sie das auch so?

Dr. Iris Zemzoum: Wissen Sie, ich bin ein optimistischer Mensch. Sicherlich hat es die eine oder andere Diskussion gegeben. Ich plädiere dafür, sich so früh wie möglich an einen Tisch zu setzen. Das könnte beiden Seiten sehr viel administrative Arbeit sparen. Denn am Ende des Tages ist der Patient entweder der Gewinner oder der Leidtragende. Das sollten sich alle Akteure immer wieder vor Augen halten.

In den nächsten Monaten wird sich der Fokus auf den sogenannten Bestandsmarkt richten - mit welchen Auswirkungen für Ihr Unternehmen?

Dr. Iris Zemzoum: Der Aufruf des Bestandsmarktes hat sehr viele Emotionen geweckt. Wenn so etwas ohne vorheriges Gespräch und ohne Konsultationen mitgeteilt wird, ist das nicht unbedingt konstruktiv.

Zudem bezweifele ich, dass durch den Aufruf des Bestandsmarktes die Versorgung verbessert wird. Im Gegenteil: Ich sehe ein gewisses Risiko darin, wenn Präparate jetzt neu bewertet werden, dass sich Unternehmen veranlasst sehen könnten, diese Präparate vom Markt zu nehmen, noch bevor sie generisch werden.

Dazu gibt es eine Diskussion über eine mögliche Verlängerung des Zwangsrabatts und des Preismoratoriums, wenn im Gegenzug auf die Nutzenbewertung des Bestandsmarktes verzichtet werden würde. Beschäftigen Sie sich mit solchen Gedanken?

Dr. Iris Zemzoum: Nein, das eine hat mit dem anderen nicht direkt etwas zu tun. Die Gesetzeslage ist hier eindeutig.

In der politischen Diskussion wird das AMNOG immer als "lernendes System" bezeichnet. Was wären Ihre drei persönlichen Top-Forderungen für ein solches lernendes System?

Dr. Iris Zemzoum: Zunächst sollten die Aufgaben zwischen Nutzenbewertung und Preisfindung klar getrennt werden. Hier wünsche ich mir mehr Neutralität. Das bedeutet im Klartext: mehr medizinische Expertise und Einbeziehung der Patienten bei der frühen Nutzenbewertung. Erst in der Diskussion über den Erstattungspreis sollte der GKV-Spitzenverband eingebunden werden.

Zudem wissen wir alle, wie schwierig es ist, bezogen auf Indikation und Therapie, die richtigen Endpunkte zu definieren. Dazu müssen wir viel stärker Patienten einbeziehen, um herauszufinden, wie diese eine Therapie persönlich erleben.

Und schließlich möchte ich an mein anfangs geäußertes Plädoyer anknüpfen: Nutzenbewertung sollte im Sinne der Versorgungsverbesserung stattfinden und nicht im Sinne reiner Kostendämpfung. Die Arzneimittelausgaben machen 17 Prozent der Gesamtausgaben im Gesundheitswesen aus. Sie sind als einzige Ausgaben seit 2010 gesunken.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

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