Ärzte Zeitung, 14.10.2013

Nutzenbewertung

Kritischer Blick auf den Nutzen

BERLIN. Der Nutzen einer Therapie bleibt eine umstrittene Größe. Das wurde beim 5. Cornomed Branchentreff Onkologie in Berlin deutlich. Es hakt an zwei Punkten.

Zum einen: Die Post-Zulassungs-Studien würden sträflich vernachlässigt, monierte der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Professor Wolf-Dieter Ludwig. Der Zusatznutzen per Zulassung zum Beispiel für Orphan Drugs stamme jedoch aus Zeiten, in denen die Voraussetzungen andere waren.

Zum anderen: Evidenzbasierte onkologische Medizin braucht Ergänzungen, sonst verzögert sie die Ankunft von Innovationen in der Versorgung. "Die Fokussierung auf die evidenzbasierte Medizin in IQWiG und GBA schneidet Interessantes ab", sagte der Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft, Dr. Johannes Bruns.

Er forderte, für die Zeit zwischen Studien und der Erarbeitung einer Leitlinie zum Thema Zwischenschritte zuzulassen. Dies sei aber nicht möglich, weil die Leitlinien in der Nutzenbewertung durch den GBA keine Rolle spielten.

Eine kritischere Herangehensweise an die evidenzbasierte Medizin wünschte sich auch Professor Matthias Schrappe. Eine Studie sei dort, wo Geld sei, die evidenzbasierte Medizin sei dort, wo eine Studie sei. Diese hermeneutische Schleife bilde nicht die Wahrheit ab, sagte Schrappe.

Schrappe hat einen weiteren Widerspruch in diesem Zusammenhang ausgemacht. Von einer teuren Therapie geschenkte drei bis vier Monate Überlebenszeit würden als Beleg für Nutzen angesehen. Gleichzeitig gebe es massive Hygienedefizite in den Kliniken zum Schaden aller Krankenhauspatienten.

Unterstützung erhielt Schrappe vom unparteiischen Vorsitzenden des GBA, Josef Hecken. Die Verlängerung der Lebenszeit werde wie eine Monstranz vor der Nutzendebatte hergetragen, der Blick auf die Lebensqualität komme zu kurz.

Die frühe Nutzenbewertung sei eine Momentaufnahme, wies die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der forschenden Pharma-Unternehmen, Birgit Fischer, auf ein weiteres Defizit hin. Gerade bei chronischen Krankheiten lasse sich der Nutzen aber erst im Langzeitverlauf messen. (af)

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