Ärzte Zeitung, 24.04.2013

Thüringen

Überversorgung trotz voller Warteräume

In Thüringen ist die Verblüffung groß: Nix da mit Ärztemangel. Nach der Reform der Bedarfsplanung sind in vielen Regionen die Schotten für Hausärzte dicht - trotz voller Wartezimmer.

Von Robert Büssow

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Volles Wartezimmer - Versorgungsalltag auch in Thüringen. Dort ist die Verblüffung groß: Die Reform der Bedarfsplanung führt dazu, dass nicht mehr 218, sondern nur noch 73 neue Hausärzte gesucht werden.

© Klaus Rose

WEIMAR. Hausärzte müssen sich beeilen, wenn sie sich in Thüringen niederlassen wollen: Ab Juli ist der halbe Freistaat gesperrt. Grund ist die bundesweite Reform der Bedarfsplanung.

Statt Ärztemangel herrscht nun - statistisch - plötzlich vielerorts Überversorgung. Statt bisher 218 werden nur noch 73 Allgemeinmediziner gesucht, gab die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen bekannt.

KV-Chefin Annette Rommel, selbst Hausärztin, könnte eigentlich froh sein, dass sich ihre Probleme in Luft auflösen. Ist sie aber nicht.

"Diese Zahl spiegelt ganz eindeutig nicht den wirklichen Versorgungsbedarf wider", sagt sie. Man dürfe im Kampf gegen den Ärztemangel nicht nachlassen. Zumal selbst die 73 Hausärzte fehlten. "Wir werden die Entwicklung kritisch begleiten."

Die Korrekturen sind zum Teil drastisch: In Erfurt sind es statt 21 nur noch vier Hausarztsitze. Im Eichsfeld waren bislang zwölf Praxen verwaist, nun ist der Landkreis komplett gesperrt. Waren bisher nur Jena und Weimar für neue Hausärzte tabu, sind ab Juli 16 von 34 Regionen dicht.

Die neue Bedarfsplanung ist kleinteiliger - bislang gab es nur 23 Planungsbereiche. Dadurch wird lokaler Mangel sichtbarer und die Streuung der Versorgungsgrade wächst - von 73 Prozent in Schmölln bis 135 Prozent in Stadtroda.

Doch davon hatte die KV eigentlich einen Zuwachs unbesetzter Hausarzt erwartet. Das Gegenteil sei eingetreten, weil die Verhältniszahl vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) sehr hoch festgesetzt wurde, erklärt Rommel.

Ein Hausarzt pro 1671 Einwohner

Demnach wird pro 1671 Einwohner ein Hausarzt benötigt. Bislang schwankte der Wert, je nachdem, ob es sich um eine städtische oder ländliche Region handelte, zwischen etwa 1300 und 1700 Einwohner.

Von Nachteil für die ostdeutschen Länder sei außerdem, dass der Demografiefaktor abgeschwächt wurde: Galt bisher für ab 60-Jährige ein größerer Versorgungsbedarf, wurde die Grenze jetzt auf 65 Jahre heraufgesetzt.

Rommel ist es ein Rätsel, wie es dazu kommen konnte. Notfalls müsse man Sonderzulassungen erteilen oder lokalen Versorgungsbedarf definieren.

"Der Mangel ist nicht herbeigeredet", bestätigt Ärztekammerpräsident Matthias Wesser zu Beginn der Ärztewoche in Weimar. "Viele stehen vor dem Ruhestand. Es gibt keinen Grund, in den Bemühungen nachzulassen. Schon heute sind die Wartezeiten oft unerträglich", so Wesser.

Der Ärztemangel wird auch durch eine Statistik aus der eigenen Kammer konterkariert: Seit 2003 ist die Zahl der Ärzte in Thüringen um 26 Prozent auf 11.738 gestiegen.

Nur wenige hätten allerdings eine Praxis eröffnet, erklärt Wesser. Der Großteil gehe ins Krankenhaus.

Mehrbedarf bei Facharztgruppen

Thüringens größte Krankenkasse, die AOK Plus, sieht ebenfalls keinen Grund zur Entwarnung. AOK-Chef Rolf Steinbronn: "Nicht nur Patienten, sondern auch Ärzte werden älter, junge kommen eher nicht in ländliche Regionen oder gehen nach dem Studium in ganz andere Branchen. Ob da nun in Thüringen statt angenommener 218 nur 73 Nachwuchsärzte fehlen, ist aus meiner Sicht eher unerheblich."

Auch im fachärztlichen Bereich führt die Neuregelung zu Änderungen. 90 zusätzliche Stellen gibt es bei Psychotherapeuten. Die werden zum Glück für die KV inzwischen extrabudgetär bezahlt.

Während psychologische Psychotherapeuten bereits Schlange stehen, werde es bei den ärztlichen vermutlich problematisch, sagte Rommel.

Weitere Zulassungssperren gibt es für fast sämtliche Facharztgruppen, die neu in die Bedarfsplanung einbezogen werden, darunter Laborärzte, Neurochirurgen, Pathologen und Strahlentherapeuten.

Ein geringerer Bedarf wird auch für Augenärzte, Hautärzte, Anästhesisten und HNO-Ärzte ausgewiesen. Mehrbedarf wird bei Nervenärzten, Orthopäden, Urologen und Frauenärzten gesehen.

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