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Ärzte Zeitung, 28.02.2014

Ärztemangel

Alarmierende Daten für den Osten

Die Prognosen für Ärztemangel in Ostdeutschland waren bisher schon finster genug. Doch nun heißt es in einer neuen Studie: Es wird noch schlimmer.

Alarmierende Daten für den Osten

Spielzeugmuseum in Sonneberg. Und wo sind die Hausärzte?

© Stefan Thomas / dpa

Von Robert Büssow

ERFURT. Das Zentralinstitut (ZI) für die Kassenärztliche Versorgung erwartet, dass bis zum Jahr 2025 insgesamt 70 Prozent aller Hausärzte in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt einen Nachfolger suchen. Jeder fünfte sei heute über 60 Jahre alt.

Mit seiner Prognose übertrifft sich das ZI noch einmal selbst. In einer vor fünf Jahren veröffentlichten Studie veranschlagte das Institut – allerdings nur für Thüringen – einen Nachbesetzungsbedarf von 56 Prozent aller Hausärzte bis 2020.

Schon heute gebe es "erhebliche Unterschiede in der Krankheitslast und im Zugang zu medizinischer Versorgung" in den drei untersuchten Bundesländern, schreibt das ZI. Hintergrund ist die höhere Morbidität.

"Die mittlere Krankheitslast für alle Kreise in Mitteldeutschland liegt zehn Prozent über dem Bundesdurchschnitt", erklärt ZI-Geschäftsführer Dominik Graf von Stillfried. Die ärztliche Versorgung von 100.000 Einwohnern sei also in etwa so aufwändig wie die von 110.000 Bürgern im Rest der Republik.

Die Morbidität schwankt jedoch erheblich: Vom Altmarkkreis Salzwedel (Sachsen-Anhalt), der im Bundesschnitt liegt, oder Dresden (3 Prozent höhere Krankheitslast). Bis hin zum Kreis Sonneberg mit 20 Prozent über Bundesschnitt. Früher für ihr Spielzeug weltberühmt, hält die Region in Südthüringen nun den Rekord der höchsten Morbiditätslast in Deutschland.

Berücksichtige man allein die zu erwartende demografische Entwicklung, nehme die Versorgungslast bei etlichen behandlungsintensiven Erkrankungen erheblich zu. Bis 2025 rechnet das Institut beispielsweise bei Demenz in Thüringen mit einer Zunahme der Fallzahlen um 44 Prozent, in Sachsen und Sachsen-Anhalt um rund 36 Prozent.

Interessant ist, dass die steigende Morbidität sogar die stark rückläufige Bevölkerungszahl überkompensiert. Ein Beispiel: In Thüringen wird bis 2025 mit einem Einwohnerschwund von 14 Prozent gerechnet. Vor allem die "Healthy Migrants", also Jüngere und Gesündere, wandern ab.

KV Thüringen: Wir legen die Hände nicht in den Schoß

Obwohl die Zahl der Patienten stark sinkt, haben die Hausärzte so viel mit den Übriggebliebenen zu tun, dass noch drei Prozent mehr Allgemeinmediziner gebraucht werden als heute. In Sachsen beträgt der Zusatzbedarf zwei Prozent.

Nur in Sachsen-Anhalt sinkt die Nachfrage nach Hausärzten um 1,3 Prozent, weil der Bevölkerungsrückgang mit 16 Prozent stärker durchschlägt als die steigende Morbidität - zwei Faktoren, die gegeneinander wirken.

Noch deutlicher wird dies bei Fachärzten, die vor allem altersbedingte Krankheiten behandeln: So erwartet das ZI in Thüringen einen Mehrbedarf an Augenärzten um elf Prozent und Urologen um 18 Prozent. Entsprechend in Sachsen (10 Prozent bzw. 16 Prozent) und Sachsen-Anhalt (7 Prozent bzw. 13 Prozent).

Gleichzeitig wäre allerdings auch jeder vierte Frauen- und Kinderarzt überflüssig. Mit der offiziellen Bedarfsplanung der KVen haben die Zahlen hingegen wenig zu tun. Betrachtet man diese Statistik, fehlen etwa in Thüringen derzeit nur rund 60 Hausärzte.

Für die meisten Facharztgruppen sind die drei Bundesländer sogar weitgehend gesperrt. Die Kassenärztliche Vereinigung in Thüringen (KVT) sieht die düsteren Prognosen mit gemischten Gefühlen. Man dürfe auch nicht zu schwarz malen, sagt Hauptgeschäftsführer Sven Auerswald.

"Wir legen ja nicht die Hände in den Schoß und warten, dass die Zahlen immer schlechter werden." Im Gegenteil, seit Jahren engagiere sich Thüringen mit innovativen Ideen wie der Eigeneinrichtung (mit angestellten Ärzten) oder dem Thüringen-Stipendium, das inzwischen an über 100 junge Nachwuchsmediziner vergeben wird.

"Die Maßnahmen fruchten also bereits", sagt Auerswald. Das Zentralinstitut fordert in seiner Untersuchung eben solche "kreativen Lösungen auf kleinräumiger Ebene" und lobt auch die Filialpraxen in Sachsen-Anhalt (ein Arzt mit Zweigpraxis) oder das Angebot Sachsens, ein Medizinstudium in Ungarn zu finanzieren, wenn danach eine Landarztpraxis übernommen wird.

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