Ärzte Zeitung, 06.06.2014

Hamburg

Nur 430 Meter bis zum nächsten Hausarzt

Die Wege zum Hausarzt sind in Hamburg kurz, nur 430 Meter im Schnitt. Doch Patienten nehmen freiwillig weitere Strecken in Kauf, zeigt eine Studie der KV. Ist die kleinräumige Bedarfsplanung deswegen überflüssig?

Von Dirk Schnack

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Faustregel: Je spezialisierter der Arzt, desto länger ist in Hamburg die Anfahrt.

© Primabild / fotolia.com

HAMBURG. Die KV Hamburg hält die Diskussion um eine kleinräumige Bedarfsplanung, wie sie von Politikern und Medien gefordert wurde, für beendet. Grund ist eine am Donnerstag präsentierte Studie, die die KV gemeinsam mit dem Zentralinstitut (ZI) zur ambulanten Versorgungssituation hat erstellen lassen.

Darin wird deutlich, dass die Hamburger Patienten stadtweit sehr geringe Distanzen in die Arztpraxen zurücklegen müssen.

Die wichtigsten Daten aus der Studie: Die nächstgelegene Hausarztpraxis finden Patienten in der Hansestadt im Durchschnitt schon nach 430 Metern. Ein Blick in die Fachgruppen zeigt, dass Patienten für die Grundversorger die kürzesten Wege haben.

Faustregel: Mit steigendem Spezialisierungsgrad werden die Wege länger. Die weitesten Wege müssen Patienten für einen Besuch beim Radiologen zurücklegen (3,15 Kilometer). Im Durchschnitt über alle Fachgruppen beträgt die Entfernung zur nächsten Praxis 1,44 Kilometer.

Wie luxuriös die Hamburger Distanzen sind, zeigt ein Vergleich mit Rheinland-Pfalz. Dort müssen Patienten im Durchschnitt 1,4 Kilometer zur nächsten Hausarztpraxis zurücklegen. Der Weg zum Pädiater beträgt in Hamburg 1,26 Kilometer, in Rheinland-Pfalz 4,9 Kilometer. Die nächste urologische Praxis findet sich in Hamburg nach 1,62, in Rheinland-Pfalz erst nach sieben Kilometern.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass für Hamburg die Luftlinie, in Rheinland-Pfalz die tatsächlich zurückzulegende Strecke zugrunde gelegt wurde. Die Studie zeigt auch die erwarteten Unterschiede zwischen den Stadtteilen.

KV-Chef spricht von Phantomdiskussion

So finden Patienten im Stadtteil Ottensen schon nach 170 Metern einen Hausarzt, in Altengamme dagegen erst nach 1,48 Kilometern. Für einen Radiologen muss man in Rissen 10,7 Kilometer fahren, in Hoheluft-West nur 370 Meter.

Den Vorwurf der "schreienden Ungerechtigkeit" wegen der Unterschiede zwischen den Stadtteilen wandelte KV-Vize Dr. Stephan Hofmeister in "schreiende Logik" um. Denn die Praxisinhaber siedelten sich, so Hofmeister, logischerweise dort an, wo die Patienten sie am besten erreichen könnten. Und dies sei in Stadtteilen etwa mit großen Einkaufszenten eher der Fall als in reinen Wohngebieten.

Interessant ist an der Studie auch, dass für die Patienten die Wohnortnähe keinesfalls immer Präferenz hat. Für den Hausarzt, der ja schon nach 430 Metern erreichbar wäre, legen die Patienten tatsächlich 1,85 Kilometer zurück. Für den Gynäkologen fahren die Patientinnen im Schnitt 3,11 Kilometer, auch wenn sich die nächste Praxis nach 0,97 Kilometern findet.

Besonders ausgeprägt ist dieses Phänomen in der Psychotherapie: Patienten nehmen für die Praxis ihres Vertrauens 4,92 Kilometer auf sich, obwohl sie eine Praxis schon nach 730 Metern finden. Im Durchschnitt über alle Fachgruppen nehmen Patienten fast zwei Kilometer an zusätzlichen Wegen auf sich, um in die Wunschpraxis zu gelangen.

Angesichts dieser Daten sprach Hamburgs KV-Chef Walter Plassmann in Zusammenhang mit der kleinräumigeren Bedarfsplanung von einer "Phantomdiskussion". "Was wir haben ist schon ziemlich gut. Eine kleinräumigere Bedarfsplanung würde nichts verbessern", sagte Plassmann.

[09.06.2014, 15:19:20]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Ärztliche Versorgungsforschung in Absurdistan?
Wie kann man denn nur die Freie Hansestadt Hamburg als typischen Stadtstaat wie Berlin, Bremen bzw. das klein-begrenzte Saarland/Saarbrücken mit einem ländlich geprägten Bundesland wie Rheinland-Pfalz vergleichen. Da könnte man ja gleich Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern nehmen.

Weltweit nehmen durchschnittliche Distanzen zu und Erreichbarkeiten von medizinisch-ärztlichen Versorgungseinheiten ab: In direkter Korrelation zum Pro-Kopf-Einkommen, zur Wohn-, Lebens- und Umweltqualität bzw. zur sozialen, politischen und kulturellen Teilhabe.

Auch in Hamburg sind soziale Rand- und Problem-Viertel, große Gewerbegebiete wie der Hamburger Hafen und die Werften gegenüber den "trendigen" Wohn-, Arbeits- und Handelszonen in medizinischer und gesundheitspolitischer Hinsicht unterbelichtet. Aber dort geben Banken für Praxis-Existenzgründungen auch keine Kredite.

Verrückt ist die Maßzahl: "Die nächstgelegene Hausarztpraxis finden Patienten in der Hansestadt HH im Durchschnitt schon nach 430 Metern." Dann müsste man ja im Hafengebiet mit 7,2 km² mehrere Hausarzt-Sitze implementieren oder auf der Außenalster mit 1,64 km² ein "schwimmendes MVZ" errichten. Der breite Elbeverlauf müsste mit mehreren Medizinischen Versorgungs-Schiffen (MVS) betreut werden.

Willkommen in Absurdistan!
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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