Ärzte Zeitung online, 20.11.2014

Strategiewechsel

Experte denkt Qualitätssicherung neu

Vermeidbare Todesfälle im Krankenhaus, nosokomiale Infektionen, unerwünschte Ereignisse im Arzneimittelbereich, Abschottung der Sektoren: Ein Gutachten plädiert für einen Paradigmenwechsel in der Qualitätssicherung.

Experte denkt Qualitätssicherung neu

Eine Krankenschwester sortiert Operationsbesteck. Der ehemalige Gesundheitsweise, Professor Matthias Schrappe, plädiert für eine Qualitätssicherung auch bei der stationären Behandlung von Volkskrankheiten.

© picsfive / fotolia.com

BERLIN. Eine umfassende Qualitätsstrategie für das Gesundheitssystem schlägt der ehemalige Gesundheitsweise Professor Matthias Schrappe vor. Hier sei der Gesetzgeber gefragt. In den kommenden Jahren müsse sich der Fokus der Qualitätsanstrengungen von der operativen, prozeduralen Sichtweise lösen.

Stattdessen sollten die chronischen Mehrfacherkrankungen einer alternden Bevölkerung stärker berücksichtigt werden. Bis 2030 sollten ein Viertel der ambulanten und stationären Vergütungen qualitätsbezogen und nicht an Mengen orientiert verteilt werden.

Es sei nicht davon auszugehen, dass Pay for Performance die dominierenden ökonomischen Vergütungsanreize des DRG-Systems ohne weiteres neutralisieren würde, heißt es in dem Gutachten "Qualität 2030 - Die umfassende Strategie für das Gesundheitswesen", das Schrappe für den Verein Gesundheitsstadt Berlin verfasst hat.

Ein Weiter so mit den bisherigen Qualitätskonzepten sei zehn Jahre nach der Einführung der DRG äußerst fraglich geworden. Beispiel: Externe stationäre Qualitätssicherung.

"Die Qualitätssicherung im stationären Sektor blendet die chronischen Krankheiten vollkommen aus", betonte der ehemalige Gesundheitsweise bei der Vorstellung des Gutachtens am Donnerstag in Berlin. Dafür seien keine Indikatoren in Bearbeitung. Zudem gebe es keinen Präventionsbezug in der Qualitätssicherung.

Regionale Gesundheitsplanung

Die Allokation von Gesundheitsdienstleistungen treibt Schrappe besonders um. Hier solle ein Wechsel von der Krankenhausplanung zur regionalen Gesundheitsplanung erfolgen. Rund 30 Prozent der Bettenkapazitäten seien überflüssig.

Hohe Priorität solle die Entwicklung von Indikatoren genießen, die die Qualität der regionalen Versorgung beschreiben könnten, einschließlich des Zusammenspiels von niedergelassenen Ärzten, Krankenhäusern und weiteren Akteuren.

Die Länder bräuchten zudem eine Handhabe, um Kliniken schließen zu können. Dafür müsse der Gesetzgeber die Mindestmengen scharf stellen. Ein Drittel der Defizite im stationären Sektor könne auf die Nichteinhaltung der Mindestmengen zurückgeführt werden, sagte Schrappe.

"Die eigentliche Herausforderung für jedes Gesundheitssystem der Welt sei die Verbesserung von Qualität und Patientensicherheit", sagte der Vorstandsvorsitzende von Gesundheitsstadt Berlin, Ulf Fink (CDU), ehemaliger Gesundheitssenator von Berlin. (af)

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