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Ärzte Zeitung, 24.11.2014

Innovationsfonds

Strukturschwache Regionen sollen profitieren

In einigen Regionen Deutschlands leben überdurchschnittlich viele alte, arme und kranke Menschen. Sie sollen mehr Unterstützung bekommen, fordert ein Experte.

Von Ilse Schlingensiepen

Strukturschwache Regionen sollen profitieren

Blick auf die Industrielandschaft Prosper in Bottrop. Das Ruhrgebiet leidet noch unter dem Strukturwandel.

© blickwinkel/S / dpa

BOCHUM. Aus den Mitteln des künftigen Innovationsfonds sollte eine bestimmte Quote in strukturschwache Regionen fließen. Das schlägt Professor Josef Hilbert vor, Geschäftsführender Direktor beim Institut für Arbeit und Technik in Gelsenkirchen. Profitieren könnten davon das Ruhrgebiet, Offenbach oder bestimmte Stadtteile von Berlin oder München.

"Ich glaube, die Probleme im Ruhrgebiet sind so massiv, dass etwas von dem Geld hierhin kommen muss", sagte er auf der ersten Gesundheitskonferenz der CDU Ruhr in Bochum. Sorgen macht ihm vor allem das nördliche Ruhrgebiet, das er als demografisch überdurchschnittlich alt, schrumpfend und wirtschaftlich schwach charakterisierte. Das schlage sich auch auf die Gesundheit nieder.

"Alte und arme Regionen haben überdurchschnittlich große Gesundheitsprobleme", so der Gesundheitsökonom. Zwar habe sich das Ruhrgebiet in den vergangenen Jahren als Gesundheitsregion positioniert und die Gesundheitswirtschaft vorangebracht. Bei den Strukturen der gesundheitlichen Versorgung gebe es aber noch viel Luft nach oben. Vor allem im Bereich der großen chronischen Krankheiten sieht Hilbert Optimierungsbedarf.

Armut, Arbeitslosigkeit und Alter machen krank

Gerade weil Armut, Arbeitslosigkeit und Alter krank machen, gibt es im Ruhrgebiet so viele Krankenhäuser, sagte der Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft NRW (KGNW) Matthias Blum. Während in Deutschland 226 Einwohner pro Quadratkilometer lebten, seien es in NRW gut 500 und im Ruhrgebiet fast 2500.

"Da ist klar, dass wir entsprechende Kapazitäten an Krankenhäusern brauchen." Die KGNW verschließe sich nicht dem notwendigen Abbau von Krankenhausbetten. Aber er müsse am Bedarf orientiert sein und mit Augenmaß erfolgen, forderte Blum.

Nach den Zahlen der Bedarfsplanung gebe es im Ruhrgebiet eine ausreichende Versorgung mit Ärzten, sagte der Vorstandsvorsitzende der KV Westfalen-Lippe Dr. Wolfgang-Axel Dryden. "Allerdings hat niemand verifiziert, ob die Messzahlen in der Bedarfsplanung den Versorgungsbedarf abbilden."

Der Aufbau vernetzter Strukturen hat nach seiner Ansicht wesentlich dazu beigetragen, dass die Menschen im Ruhrgebiet nach wie vor gut versorgt werden. "Das ist der Weg der Zukunft."

Bessere Zusammenarbeit der Sektoren

Die bessere Zusammenarbeit der Sektoren und die Schließung von Kliniken sind für den Vorstandsvorsitzenden der AOK Nordwest Martin Litsch notwendig, um die vorhandenen Finanzmittel zielgenauer einsetzen zu können. Im Ruhrgebiet seien die Voraussetzungen für Kooperationen eigentlich gut.

"Dass die integrierte Versorgung bis heute nicht aufgegangen ist, liegt nicht am mangelnden Engagement einzelner, sondern daran, dass es sich nicht rechnet." Er setze aber weiter auf die regionale Vernetzung, betonte Litsch. Die Kasse sei bereit, die Netze zu unterstützen.

"Das banale Zusammenspiel von Krankenhäusern und niedergelassenem Bereich klappt an viel zu vielen Stellen nach wie vor nicht gut", sagte der gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Jens Spahn.

Gefragt seien regionale Konzepte der integrierten Versorgung, die auch die modernen technischen Möglichkeiten nutzen. Bei der Förderung von zertifizierten Netzen geschehe in den KVen noch viel zu wenig, kritisierte Spahn. Das werde sich mit dem Versorgungsstärkungsgesetz ändern. "Bisher können KVen Netze fördern, in Zukunft müssen sie es."

Bei der Einführung der neuen Bedarfsplanungsrichtlinie ist das Ruhrgebiet ausgenommen worden, bis Ende 2017 gelten dort die alten Planzahlen weiter. Das soll einen Run von Ärzten auf die Ruhrgebietsstädte zu Lasten der ländlichen Regionen verhindern. Spahn räumte ein, dass dies der Region gegenüber "nicht fair" war.

Auch im Ruhrgebiet seien an manchen Stellen mehr Ärzte notwendig. "Die Sonderregion ist kein Dauerzustand, auch für das Ruhrgebiet wird die Bedarfsplanungsrichtlinie überarbeitet werden", sicherte er zu.

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