Ärzte Zeitung, 18.02.2015

Beispiel Wolfsburg

Ärztemangel erreicht die Städte

Die Stadt Wolfsburg lockt Ärzte, die sich neu niederlassen wollen, mit Fördergeldern in Höhe von 50.000 Euro. Ein großes Hindernis: Es gibt dort fast nur noch GKV-Versicherte.

Von Christian Beneker

Ärztemangel erreicht die Städte

Wolfsburg, eine für niedergelassene Ärzte unattraktive Stadt?

© Reimer/fotolia.com

WOLFSBURG. Der Ärztemangel hat die Städte erreicht. Das sagt jedenfalls Stefan Hofmann, Chef der KV Bezirksstelle im niedersächsischen Braunschweig.

Die Rede ist von der benachbarten "Autostadt" Wolfsburg, eine Stadt mit rund 120.000 Einwohnern, die fünftgrößte Stadt Niedersachsens.

"Mancher Arzt wohnt lieber in einer der nächsten großen Städte, auch wenn er seine Praxis in Wolfsburg hat", berichtet Hofmann. Nach Berlin ist es eine gute Stunde mit der Bahn, nach Hannover sind es nur rund 30 Minuten, nach Braunschweig 15 Minuten.

Mit viel Geld lockt derzeit die Stadt Wolfsburg den medizinischen Nachwuchs: 50.000 Euro erhält, wer sich in der Stadt als Arzt neu niederlässt. So lautet der Beschluss der Stadt Wolfsburg vom Dezember 2014. Vorher waren es 20.000 Euro.

Neue Richtlinie in Kraft getreten

"Die Förderrichtlinie wurde angepasst, um auch Medizinische Versorgungszentren, Gemeinschaftspraxen und so weiter fördern zu können", erklärt eine Sprecherin der Stadt Wolfsburg. Die neue Richtlinie ist Anfang 2015 in Kraft getreten.

"Die Förderung ist angelehnt an Leistungen inderen Regionen und befindet sich im üblichen Rahmen", so die Sprecherin. Tatsächlich werden im Kampf um die Ärzte auch in anderen Städten 50.000 Euro angeboten.

Bielefeld, Paderborn oder Gifhorn zahlen vergleichbare Summen, sagt Hofmann. Dadurch sei "eine Konkurrenzsituation entstanden, die den Standort Wolfsburg benachteiligen könnte", hieß es.

Am schwierigsten sei es, junge Ärzte für ländliche Regionen zu gewinnen, so zum Beispiel für die Landkreise Gifhorn und Helmstedt, die auch zum Wolfsburger Versorgungsbezirk gehören. Die Situation sei zwar eine "Herausforderung", aber "keinesfalls dramatisch", sagt die Sprecherin.

Der Versorgungsgrad für die Region liegt laut KVN derzeit bei 87,4 Prozent. Das entspricht einem Defizit von 22 Ärzten. Der Anteil der Ärzte über 54 Jahre beträgt allerdings 63,4 Prozent, 40 Prozent der Hausärzte sind über 59 Jahre alt.

"Bei rund 80 niedergelassenen Hausärzten müsste Wolfsburg in den nächsten Jahr grob geschätzt jährlich fünf Niederlassungen fördern, um die zu erwartenden Abgänge zu ersetzen", so die Sprecherin.

"Teil eines europäischen Trends"

Bisher hat die Stadt nach eigenen Angaben niederlassungswilligen Ärzten insgesamt 200.000 Euro für ihre Praxen bezahlt: 2013 insgesamt an fünf Ärzte (zwei Allgemeinmediziner und drei Fachärzte) und 2014 ebenfalls an fünf Ärzte (vier Allgemeinmediziner und einen Facharzt).

"2015 werden aktuell mit zwei allgemeinmedizinischen Praxen Gespräche geführt", so die Sprecherin. Dass Ärzte immer weniger Neigung verspüren, sich in Städten selbst wie Wolfsburg niederzulassen, sei "Teil eines europäischen Trends - dem Sog in die großen Städte", sagt Hofmann.

"Selbst beim größten Arbeitgeber in Wolfsburg, dem Autobauer VW, ist die Einpendlerquote inzwischen zweistellig." Wer es sich leisten kann, geht. Tendenz steigend.

Das betreffe auch Selbstständige. Dieser Umstand hat für die niedergelassenen Ärzte vor Ort direkte Konsequenzen: Sie können kaum Privatpatienten behandeln, und das drückt aufs Honorar, so Hofmann.

Wer bei VW am Band steht, wohnt in der Stadt und ist GKV-versichert. Die Ingenieure der Konstruktionsbüros und Selbstständige dagegen neigen offenbar zum Abwandern.

"Die Konsequenz für die Ärzte ist, dass sie deutlich mehr GKV-Patienten behandeln müssen, um auf denselben Verdienst zu kommen, wie ihre Kolleginnen und Kollegen andernorts", sagt Hofmann.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Lockruf des Geldes verhallt

[18.02.2015, 15:13:19]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
ich höre immer "digitalisiert", so ein Quatsch!
der Mensch ist analog und weitgehend chaotisch. Und kann am besten behandelt werden von einem nicht-digitalisierten Arzt mit Erfahrung.
@Dr. Zlatko Prister und alle Ökonomen zum Mitschreiben,
das "teure" im Gesundheitswesen ist immer noch die Krankheit.
Ökonomisch effizient heißt also immer noch effizient heilen.
"Homöopathische Medikamente" sind beispielsweise per Gesetzgeber OHNE WIRKUNGSNACHWEIS!
Das ist das Problem unseres modernen politischen "Gesundheitssystems".
Es ist zunehmend antiärztlich
und wird dadurch natürlich nicht billiger, sondern teurer,
was ein Okonom nie verstehen kann.

mfG zum Beitrag »
[18.02.2015, 08:20:39]
Dr. Zlatko Prister 
EFFIZIENZ
Die Grundkrankheit des ambulanten Sektors ist die fehlende betriebliche Effizienz.
Führend dabei sind die Hausärzte.
Medizinisch-fachliche Kompetenz der Ärzte und ihres Personals steht nicht zur Debatte.
Der Nutzungsgrad der zur Pflicht gemachten (gut so) Arztpraxis-EDV liegt durchschnittlich bei den jämmerlichen 25-30 Prozent.
Anteil der an EDV delegierbaren Arbeit liegt bei den Hausärzten bei stolzen 60 bis 75 Prozent.
Die Frage ob die vorhandenen Ärzte massiv geschult werden sollen oder man lässt sie einfach aussterben und auf jüngeren Ersatz warten, ist bislang nicht beantwortet worden.
Niederlassungswillige junge Ärzte brauchen Förderung um wenigstens ohne Eigenanteil die alten Karteikarten-geführten Praxen zu digitalisieren.

Nur eine digitalisierte und im nichtmedizinischen Bereich automatisierte Hausarztpraxis kann so effizient arbeiten, dass die Wertschöpfung eine sinnvolle Grösse erreicht.

Unumgängliche Voraussetzung ist hier die intensive Schulung des Praxisinhabers und seiner MFA, wodurch sich die EDV-Investition schnell amortisiert.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Z. Prister
Papierlose Hausarztpraxis
Frankfurt
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