Ärzte Zeitung, 27.08.2015

Modellprojekt in Sachsen

"Taschengeld" lockt angehende Landärzte

Landarzt als Traumberuf? Medizinstudent Marvin Verhees (20) ist dafür ein Beispiel. Er nimmt an einem Programm zur Gewinnung von Hausärzten auf dem Land teil - und unterstützt fünf Wochen pro Jahr eine Praxis bei Dresden.

Von Luise Poschmann

"Taschengeld" lockt angehende Landärzte

Bereits ein Routine-Handgriff: Medizinstudent Marvin Verhees (20) misst den Blutdruck der Patientin – unter der Aufsicht von Praxisinhaber Michael Grundmann .

© Louise Poschmann

SCHMIEDEBERG. Den Blutdruck zu messen ist für Marvin Verhees schon fast Routine. Aus der Ruhe bringen lässt sich der 20-jährige Medizinstudent zumindest nicht, obwohl "seine" Patientin Renate Grohmann (70) munter weiterspricht, während er ihre Werte kontrolliert.

Häufig muss die Diabetikerin den Weg in die Praxis des Allgemeinmediziners Michael Grundmann im ostsächsischen Schmiedeberg auf sich nehmen. Dass ihr Blutdruck bei einem ihrer Termine noch einmal von Verhees gemessen wird, ist nicht unwahrscheinlich.

Knapp fünf Wochen im Jahr unterstützt Verhees die Praxis in dem kleinen Ort rund 25 Kilometer südlich von Dresden, wo er sonst studiert. Sein Einsatz im Osterzgebirge ist Teil eines Programmes zur Gewinnung von Hausärzten auf dem Land, das die sächsische Landesregierung vor zwei Jahren ins Leben gerufen hat.

1000 Euro bekommt Verhees im Monat, wenn er sich verpflichtet, nach der Facharztausbildung für Allgemeinmedizin abseits der großen Städte in Sachsen zu arbeiten.

Der Region etwas zurückgeben

Das Programm ist ein Glücksfall für Verhees, der kurz vor dem Physikum steht: "Das Geld macht mich komplett unabhängig und ich brauche keinen Nebenjob", sagt er. Dass er sich früh festlegen musste, wohin seine berufliche Reise geht, stört ihn auch nicht. Schon seit der siebten Klasse habe er Arzt werden wollen und sich auch immer ein Leben in der Nähe der Heimat vorgestellt.

Warum also nicht als Hausarzt auf dem Land arbeiten? "Es ist ja auch schön, der Region, in der man aufgewachsen ist und sich wohlgefühlt hat, wieder etwas zurückgeben zu können", meint der 20-Jährige. Doch auch für sein Studium ist das Programm hilfreich.

Regelmäßig führt er schon Arbeiten unter Aufsicht durch, die sonst in der Ausbildung spät oder viel zu kurz kommen: Blut abnehmen, Spritzen setzen oder Fäden ziehen ist für Verhees keine Seltenheit. Inhaltlich schätzt er die Vielfältigkeit. "Als Facharzt für Allgemeinmedizin auf dem Land ist man Mädchen für alles", sagt er. Weil andere Fachärzte im Schnitt noch überfüllter seien, lande viel bei den Allgemeinmedizinern.

Rund 170 Hausärzte fehlen laut KV Sachsen derzeit abseits der Großstädte Dresden, Leipzig und Chemnitz. Die KV koordiniert das Programm für den Freistaat, sie selbst hat noch ein eigenes Projekt, bei dem jungen Menschen das Medizinstudium in Ungarn finanziert wird. Bei dem Programm der Landesregierung holpert es noch etwas, nicht alle Förderstellen konnten bislang besetzt werden.

Grund dafür könnte sein, dass sich die jungen Menschen schon früh entscheiden müssen, in welche Richtung sie später gehen wollen. Die Studenten haben alle ein sehr gutes Abitur, mit dem ihnen jedes Fach offen gestanden hätte - sich von Beginn an gegen beispielsweise eine Karriere als Chirurg im Krankenhaus zu entscheiden, ist da oft undenkbar.

Nähe zu den Patienten

Außerdem ist die Arbeit als Landarzt nicht weniger anstrengend als der Schichtdienst in der Klinik. Da der nächste Facharzt nicht direkt im Nachbarzimmer sitzt, werden viele Aufgaben mitübernommen. Dadurch ergeben sich aber auch viel umfassendere Bilder des Patienten und seines Umfeldes. "Man kennt die Leute", fasst der Allgemeinmediziner Grundmann zusammen.

Die Nähe zu den Patienten ist es aber auch, die Grundmann und Verhees an dem Landarzt-Beruf so sehr schätzen und wovon sie nicht lassen wollen. Auch wenn die Hausbesuche nicht weniger werden und die Praxis laut Grundmann schon jetzt rund ein Drittel zu viele Patienten zu versorgen hat.

[27.08.2015, 11:33:43]
Dr. Henning Fischer 
"Es ist ja auch schön, der Region, in der man aufgewachsen ist und sich wohlgefühlt hat, wieder etwas zurückgeben zu können"

das ist der Richtige für den Job.

Geben, nicht nehmen.

So bezahlt man seine Verpflichtungen und Schulden als sächsischer Landarzt.

Schöne Welt.
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