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Ärzte Zeitung, 02.10.2015

Pro & Contra

Apotheker als Hausarzt-Ersatz?

Zank um Osteopathie

Ob Apotheker in der Versorgung von Patienten eine größere Rolle spielen sollen, ist umstritten. In unserem Pro & Contra liefern sich Hausärzte-Chef Ulrich Weigeldt und Dr. Detlef Weidemann, Vertreter der hessischen Apotheker, ein Wortgefecht.

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Sind Fragen zu Hautproblemen auch beim Apotheker gut aufgehoben? Viele Hausärzte sehen das kritisch.

© ABDA

NEU-ISENBURG. Die Frage, ob Apothekern zur Entlastung der Ärzte eine größere Rolle in der Versorgung eingeräumt werden sollte, wird nicht nur in Deutschland diskutiert. Im Ausland gibt es durchaus Ansätze, die diese Idee aufgreifen:

- Schweiz: Eine private Krankenversicherung in der Schweiz will einen neuen Tarif testen, der Apotheken stärker in die medizinische Versorgung einbinden soll: Außer im Notfall sollen Patienten in der Regel zuerst den Apotheker aufsuchen und erst dann zum Arzt gehen. Alternativ sollen sie eine Gesundheitshotline anrufen. Apotheker dürfen in einigen Kantonen sogar impfen.

- Großbritannien: Im Vereinigten Königreich gibt es zunehmend Wartezeiten auch vor Terminen beim Hausarzt. Zur Entlastung sollen Patienten in bestimmten Fällen, etwa für Wiederholungsrezepte, direkt zur Apotheke gehen dürfen.

Die Pläne stoßen auch in den Ländern selbst auf ein zwiespältiges Echo. So fürchten manche Ärzte in Großbritannien, dass Apotheker als "billiger Hausarztersatz" missbraucht werden könnten. Andere sehen durchaus sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für Apotheker, um Ärzte zu entlasten.

In Deutschland beschränkt sich die Diskussion bisher auf die Frage, ob Apotheker beim Medikationsmanagement eine wichtigere Rolle spielen können - und sollen. Auch beim derzeit laufenden Apothekertag sind Medikationsmanagement und der Medikationsplan, wie ihn das E-Health-Gesetz vorsieht, in der Diskussion.

Die "Ärzte Zeitung" hat bei zwei Standesvertretern nachgefragt, ob das Verhältnis zwischen Ärzten und Apothekern neu definiert werden muss oder nicht: Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands, und Dr. Detlev Weidemann, Vorsitzender des Hessischen Apothekerverbands, zeigen in ihren Antworten, dass einige Ansätze womöglich auch hier in Deutschland umzusetzen wären. (ger/jk)

Von Detlev Weidemann

"Arbeit abnehmen können wir Ärzten durchaus!"

Dr. Detlev Weidemann, Vorsitzender des Hessischen Apothekerverbandes (HAV).

© HAV

Vorab ist es wichtig festzuhalten: Das gute Verhältnis zwischen Ärzten und Apothekern kann nur partnerschaftlich weiterentwickelt werden. Unsere beiden Berufsgruppen sollten sich nicht gegeneinander ausspielen lassen, erst recht nicht aus Kostengründen: Einen Wettlauf in der Preisspirale nach unten darf es nicht geben, für gute Arbeit muss auch gutes Geld fließen.

Apotheker und Ärzte haben zwei unterschiedliche Herangehensweisen: Apotheker kommen vom Medikament, vom Wirkstoff her, der Arzt von der Diagnose - in der Mitte ist der Patient. Wir betreuen Patienten daher gemeinsam und nicht gegeneinander.

Vor Ort funktioniert die Abstimmung meistens sehr gut. Ich bin jetzt seit 40 Jahren im Beruf, heute gibt es viel weniger Spannungen zwischen Apothekern und Ärzten als früher. Das hat auch mit der Ausbildung zu tun: Ärzte arbeiten heute viel mehr in Teams.

Auch die Ausbildung von uns Apothekern in Pharmakologie ist sehr viel umfangreicher als früher, auch im Vergleich mit dem Medizinstudium. Unsere Ausbildung ist jetzt deutlich patientenorientierter. Ein Gespräch auf Augenhöhe mit Ärzten ist viel leichter möglich.

Arbeit abnehmen könnten wir Apotheker den Ärzten durchaus an der einen oder anderen Stelle. Ein Beispiel: Wenn ein Arzt bei einem chronisch kranken Patienten entscheiden könnte, dass ein Rezept zwei- oder dreimal beliefert werden darf, wenn es keine Änderung im Gesundheitsstatus gibt, dann ließe sich das sicherlich umsetzen.

So würde der eine oder andere Arztbesuch eingespart. Das ist bei dem aktuellen Honorarsystem für Hausärzte aber sicher keine gute Option.

Zusätzliches Honorar für den Apotheker würde durch die zweimalige Belieferung eines Rezepts nicht anfallen, das wäre nur bei arztersetzenden Tätigkeiten möglich, wenn das denn gewollt wäre, zum Beispiel bei Impfberatung.

Aber von oben oktroyierte Modelle bringen hier nichts. Es muss darum gehen, dass Ärzte entlastet werden, damit sie sich ihren Patienten adäquat widmen können - und die Ärzte müssen das auch selbst wollen.

Bei der gerade bei multimorbiden Patienten vorkommenden Polymedikation ab drei oder ab fünf eingenommenen Präparaten können Apotheker ergänzend zum Arzt sehr gut tätig werden. Zum einen kennen wir die Medikamente, die der Patient ohne Rezept kauft - immerhin 50 Prozent der konsumierten Arzneien in Deutschland. Wir sind hier einfach dichter dran. Zum anderen sind auch unsere Arzneimitteldatenbanken besser ausgestattet als jene vieler Ärzte, allein schon wegen der zweiwöchentlichen Updates.

Gewisse Erfahrungen mit der Anamnese haben Apotheker bereits - zum Beispiel, wenn Patienten mit Bagatellerkrankungen zur Selbstmedikation in die Apotheke kommen. Dass wir den Patienten davon abhalten, zum Arzt zu gehen, ist jedoch unrealistisch, eher umgekehrt: Es kommt wahrscheinlich häufiger vor, als oft vermutet wird, dass dem Patienten vom Apotheker geraten wird, zum Arzt zu gehen, etwa, wenn er eine Erkrankung dissimuliert, sie einfach nicht wahrhaben will.

Am Ende gilt immer noch: Schuster, bleib‘ bei Deinem Leisten - die Grenzen unseres Wissens können wir durchaus einschätzen. Apotheker sind keine Barfuß-Mediziner - und Ärzte auch keine Barfuß-Pharmazeuten. Gemeinsam können wir für unsere Patienten das Beste erreichen.

Von Ulrich Weigeldt

"Die Koordination können nur Arzte übernehmen!"

Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands.

Die Komplexität des Gesundheitswesens macht eine Koordination der Behandlungsabläufe zwingend notwendig. Fast alle Akteure im Gesundheitswesen würden dieser Aussage inzwischen zustimmen, das war in der Vergangenheit nicht immer so.

Gerade für Menschen, die von mehreren Erkrankungen, die häufig auch noch chronisch verlaufen, gleichzeitig betroffen sind, ist es der einzig sinnvolle Weg, um die verschiedenen Maßnahmen und Medikation aufeinander abzustimmen und Wechselwirkungen möglichst zu vermeiden.

Dabei geht es insbesondere auch um die Abstimmung der Behandlungen zwischen Haus- und Fachärzten, den Kliniken, aber selbstverständlich auch den Apothekern.

Diese koordinierende Aufgabe können nur Hausärztinnen und Hausärzte übernehmen!

Hausärzte sind Generalisten, sie sind Ärzte für den "ganzen Menschen". Diese komplexe medizinische Kompetenz fußt auf einer fünfjährigen ärztlichen Weiterbildung. Dank dieser sind wir Hausärzte in der Lage, die Koordination der Behandlungen zu übernehmen und der erste Ansprechpartner für sämtliche medizinischen Beschwerden zu sein.

Dabei geht es nicht darum, dass andere Heilberufe, beispielsweise Apotheker, schlecht qualifiziert seien, dieser Vorwurf ist aus der Luft gegriffen. Sie sind schlicht und einfach nicht für diese spezifische Aufgabe ausgebildet worden. Ihre Kompetenzen liegen in anderen Bereichen.

Diese sind unverzichtbar, es wäre jedoch nicht im Sinne der Patienten, wenn ärztliche Aufgaben substituiert würden, etwa um Kosten zu sparen.

Bei der umfassenden Beurteilung der gesundheitlichen Situation eines Patienten braucht man einen Überblick über sämtliche Diagnosen und Laborwerte. Ohne dieses Wissen ist eine seriöse Einschätzung nicht möglich.

Diese liegen den Apothekern jedoch gar nicht vor. Hinzu kommt, dass man die Krankengeschichte seiner Patienten kennen muss, auch das soziale Umfeld muss berücksichtigt werden. Die Realität ist, dass in der Regel ausschließlich Hausärzte diese enge und langjährige Bindung zu den Patienten haben.

Wir glauben, dass dieses Konzept am besten funktioniert, wenn sich der Patient aktiv und freiwillig bei dem Hausarzt seiner Wahl einschreiben kann, so wie in der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV). Damit erreichen wir eine klare Bündelung der Verantwortung.

Um diesem umfassenden Anspruch gerecht zu werden, muss sich natürlich auch die hausärztliche Versorgung weiter entwickeln - und das hat sie in den letzten Jahren auch getan! Dazu gehört zum Beispiel die Delegation von nicht-ärztlichen Aufgaben an sogenannte VERAH (Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis).

Mit diesem Modell, welches inzwischen flächendeckend etabliert ist, lässt sich die Betreuung der Patienten in den Praxen intensivieren, der Hausarzt hat mehr Informationen zur Verfügung. Gleichzeitig werden die Prozesse aber effizienter, begrenzte ärztliche Ressourcen werden geschont. Dieses Versorgungskonzept hat darüber hinaus einen ganz entscheidenden Vorteil: Es entstehen keine neuen Schnittstellen, denn diese sind immer fehleranfällig.

Wir sehen in der tagtäglichen Erfahrung vor Ort, dass die Zusammenarbeit zwischen Apothekern und Hausärzten in aller Regel sehr gut funktioniert. Das liegt auch daran, dass es eine klare Zuteilung der Aufgaben gibt. Die Koordination der Patienten ist dabei zweifelsohne eine hausärztliche.

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[02.10.2015, 21:10:13]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
contra

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