Ärzte Zeitung, 05.04.2016

Schmerzmedizin

Notstand bei spezialisierter Therapie

Patienten mit chronischem Schmerz müssen - unnötig - leiden. Ursächlich sind massive Defizite vor allem in der ambulanten Versorgungsstruktur. Nötig wären eine Qualifikationsoffensive und die Berücksichtigung der Schmerzmedizin in der Bedarfsplanung.

Von Andreas Haeckel

NEU-ISENBURG. In der speziellen Schmerzmedizin in Deutschland herrscht auch im Jahre 2016 immer noch Notstand: Nach aktuellen Daten leiden 23 Millionen Deutsche (28 Prozent) an chronischen, meist nicht tumorbedingten Schmerzen.

Alte Menschen sind sogar zu über 50 Prozent betroffen. Dies bestätigt auch der neueste Arztreport der Barmer GEK von 2016, nach dem bei über 30 Millionen Deutschen Schmerzdiagnosen codiert werden.

Etwa zwei bis drei Millionen Patienten benötigen eigentlich eine spezialisierte Schmerztherapie nach definierten Qualitätsstandards, doch stehen hierfür derzeit nur knapp 1000 niedergelassene Schmerzmediziner zur Verfügung.

Für den Ludwigshafener Schmerztherapeuten Dr. Oliver Emrich belegen diese Zahlen: "Schmerzmedizinische Versorgung ist weiterhin in Deutschland nicht sichergestellt." Hinzu komme, dass niedergelassene Ärzte die Hauptlast der speziellen Versorgung tragen.

Sicherstellungsauftrag in Gefahr

Denn über 95 Prozent der Schmerz-Patienten werden ambulant versorgt. Kassenärztliche Vereinigungen könnten ihren Sicherstellungsauftrag nicht erfüllen, weil die Weiterbildungsordnung den Facharzt für Schmerzmedizin nicht kennt, so Emrich. "Jeder, der Schmerzmedizin in seiner Praxis betreibt, ist ganz auf sich alleine gestellt."

Auch die Qualifikation durch die Ausbildung während des Studiums sei immer noch rudimentär, da erst ab 2016 an Universitäten Schmerzmedizin als Ausbildungsinhalt berücksichtigt werde.

Als gleichermaßen desaströs bewertet Emrich das Fehlen wirtschaftlicher Strukturen für eine zukunftsorientierte schmerzmedizinische Versorgung.

In vielen KV-Bezirken erlebe man weitere Reglementierungen, etwa durch begrenzende Budgets. Im Verteilungskampf um knappe Mittel zögen Schmerzmediziner ohne eine ausreichende Lobby dabei den Kürzeren.

Ansätze zur Qualitätsverbesserung

Dennoch gibt es auch Fortschritte. Als Meilensteine der Schmerztherapie in Deutschland nennt Emrich die erste bundesweite Schmerztherapievereinbarung im Jahre 1994 und die Aufnahme der Schmerztherapie in den EBM in 2005.

Ferner existieren inzwischen 129 regionalen Schmerzzentren. Aus dem 1994 gegründeten Schmerztherapeutischen Kolloquium (StK) ist schließlich die Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie (DGS) als "Versorger-Gesellschaft" entstanden.

Mit der jährlichen Rezertifizierung der Mitglieder zum Algesiologen DGS sowie regelmäßigen Fortbildungen, interdisziplinären Schmerzkonferenzen und einer qualitativ hochwertigen Vernetzungsstruktur "werden die Qualitätsanforderungen von KBV und Bundesärztekammer eigentlich noch übertroffen", so Emrich.

Allerdings ergebe sich aus dem - nach einem bio-psychosozialen Krankheitsverständnis von Schmerzen erforderlichen - komplexen Standard von Diagnostik und Therapie für die immense Zahl der Schmerzpatienten aus Sicht der DGS eine wesentliche Forderung: "Wir können die Schmerzmedizin, so wie wir sie brauchen, nur etablieren, wenn wir den Facharzt für Schmerzmedizin schaffen".

Unterstützung bekommt Emrich für diese Forderung von Professor Joachim Nadstawek, Vorstandsmitglied des Berufsverbandes der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland (BVSD): "Nur durch die Einführung eines Facharztes ist die Ermittlung der notwendigen Arztzahl in der Bedarfsplanung möglich."

Er sieht in der völlig ungenügenden Zahl und gleichzeitiger Überalterung der Schmerzmediziner ein massives Nachwuchsproblem.

Keine Berücksichtigung in der Bedarfsplanung

"Eine Crux ist nach wie vor, dass die Schmerzmedizin nicht in der Bedarfsplanung auftaucht", so Nadstawek.

Als beispielhaft sieht er etwa die Vereinbarung des BVSD mit Kassen und der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein, künftig Kassensitze mit schmerztherapeutischer Kompetenz nur durch Kollegen mit schmerztherapeutischer Kompetenz zu besetzen (wir berichteten).

Auf die dramatische Zunahme der Zahl chronischer Schmerzpatienten in Deutschland in der letzten Dekade weist auch Privatdozent Dr. Michael Überall aus Nürnberg, Vizepräsident der DGS und Präsident der Deutschen Schmerzliga, hin.

Lag deren Anteil an der Gesamtbevölkerung im Jahre 2006 noch bei 17 Prozent, kam eine Untersuchung aus 2009 bereits auf 23 Prozent, eine weitere aus 2014 bereits auf 29 Prozent und der aktuelle Barmer GEK-Report aus diesem Jahr bereits auf 33 Prozent - also ein Drittel der Gesamtbevölkerung.

Astronomische gesellschaftliche Kosten

Eine Berechnung der direkten und indirekten Kosten, die allein durch Rückenschmerzen verursacht werden, ergab bereits im Jahre 2009 für Deutschland die astronomische Summe von knapp 49 Milliarden Euro, so Überall.

Er sieht als Ursache dieser Entwicklung vor allem das aus dem Blickfeld geratene Patientenwohl. Nach einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2011

sind 59 Prozent der Schmerzpatienten der Ansicht, dass es in der Öffentlichkeit an Verständnis für ihre Situation mangelt,

sind 48 Prozent der Ärzte sich über ihre Strategie unsicher wenn Schmerzen trotz Behandlung länger persistieren,

erhalten 38 Prozent aller Schmerzpatienten trotz jahrelanger Behandlungsversuche nach eigener Einschätzung nicht die richtige Therapie und

werden nur acht Prozent aller chronischen Schmerzpatienten von einem qualifizierten Schmerztherapeuten behandelt.

Die Forderungen waren bereits damals deutlich: Chronische Schmerzen erfordern mehr Aufmerksamkeit, sie müssen als Krankheit anerkannt werden und verlangen von Anfang an eine gezielte Behandlung. Im Mittelpunkt müsse der individuelle Behandlungserfolg des chronisch Kranken stehen.

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