Ärzte Zeitung, 11.03.2008

Freiheit und Sicherheit - eine Illusion?

Medi Berlin, die Freie Ärzteschaft und KBV-Chef Andreas Köhler diskutieren Szenarien des KV-Ausstiegs

BERLIN. Ist der Zulassungsverzicht eine sinnvolle Option für Kassenärzte? Diese Frage hat Medi Berlin zur Diskussion gestellt. Auf dem Podium: Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Dr. Andreas Köhler und der Präsident der Freien Ärzteschaft Martin Grauduszus.

Von Angela Mißlbeck

 Freiheit und Sicherheit - eine Illusion?

"Die KVen bieten immer noch Schutz gegen den Ausverkauf eines freien Berufes." Dr. Andreas Köhler KBV-Vorsitzender

Der Saal im Gebäude der KV Berlin ist brechend voll. Rund 180 Ärzte sind trotz U-Bahn-Streiks gekommen. Sie verfolgen die Debatte zum Teil stehend.

"Das KV-Schiff ist marode. Müssen wir aussteigen?" fragte Medi Berlin in der Einladung. "Mein Herz ist gespalten, wie die Meinung der Berliner Medi-Ärzte", sagt Medi-Berlin-Chef Dr. Wolfgang Mitlehner eingangs. Als Befürworter des Ausstiegs erhält Grauduszus das Wort. In einem weiten Bogen rechnet der Präsident der Freien Ärzteschaft mit Gesundheitskonzernen, Krankenkassen und Politikern ab. Die Gesundheitskarte, die Gemeindeschwestern und die "Behörde KV" kommen auf den rhetorischen Seziertisch. Zum Systemausstieg sagt Grauduszus nur eines: "Er ist nur ein Schritt auf dem Weg zu einem freien Arztberuf." Applaus folgt.

KBV-Chef Köhler hat dagegen kein leichtes Spiel. Schon nach den ersten zwei Sätzen gibt es wütende Zwischenrufe aus dem Publikum. "Die KBV ist unglaubwürdig", heißt es. "Sie verramschen unsere Leistung", wird dem KBV-Chef vorgeworfen. Köhler sagt: "Natürlich kann ich den Unmut verstehen." Aber die KVen würden immer noch Schutz bieten "gegen den Ausverkauf eines freien Berufes".

 Freiheit und Sicherheit - eine Illusion?

"Ich glaube, dass die Ärzte den Schutz durch ihre Patienten haben." Martin Grauduszus Freie Ärzteschaft

Der KBV-Chef beklagt, dass die Arbeitsteilung zwischen KVen und Verbänden nicht mehr funktioniere. An ihre Stelle sei Konkurrenz getreten. Er appelliert an die Ärzte: "Lassen Sie die KVen noch solange leben, bis Sie andere Strukturen geschaffen haben." Ärzte müssten auf zwei Beinen stehen, sie sollten nicht das eine amputieren, bevor das andere standfest sei, rät Köhler.

Die Berliner Ärzte sind zwiegespalten. Im KV-System vermissen sie die Freiheit, beim Ausstieg die Sicherheit. Die kann ihnen auch Grauduszus nicht vermitteln. Welchen Schutz hätten Ärzte beim Systemausstieg? "Ich glaube, dass die Ärzte den Schutz durch ihre Patienten haben", sagt Grauduszus etwas zögerlich. Das Publikum antwortet mit ungläubigem Raunen. Im Raum stehen bleibt auch Köhlers Frage, wie verhindert werden kann, dass der Systemausstieg in ein Einzelvertragssystem mit ruinösem Wettbewerb zwischen den Ärzten mündet.

Eine junge Hausärztin weist auf die Sicherheiten des KV-Systems hin. Viele Ärzte applaudieren ihr. Doch sie bleibt an diesem Abend die einzige, die offen Vorteile des KV-Systems anspricht. Nach Hause gehen die meisten Ärzte nicht mit dem Gefühl, dass sie auf zwei Beinen stehen, sondern dass sie zwischen Baum und Borke sitzen.

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