Ärzte Zeitung online, 16.04.2008

Ärzte wollen raus aus dem System

 ärzte wollen raus aus dem system

STUTTGART (fuh). "Gemeinsam unsere Praxen retten - Systemausstieg jetzt!": Mit dieser Botschaft haben etwa 8000 niedergelassene Ärzte aus Baden-Württemberg am Mittwochnachmittag bei einer Veranstaltung des Ärzteverbundes Medi in Stuttgart ein eindrucksvolles Zeichen des Protests gesetzt.

Die bundesweiten Ärzteproteste vor zwei Jahren hätten nichts bewirkt, sagte Medi-Chef Baumgärtner, der von den Teilnehmern begeistert empfangen worden war. Die Kernprobleme der Kollegen seien aktueller denn je:

  • Arztpraxen müssen weiter unbezahlte Bürokratie für die Kassen leisten;
  • Ärzte erbringen 30 Prozent ihrer Arbeit unbezahlt, in den neuen Bundesländern sind es zurzeit sogar 50 Prozent;
  • Mit der Behandlung kranker Menschen lassen sich heute höchstens noch die Praxiskosten decken. Geld verdienen die Praxen dagegen mit Lifestyle-Medizin, Wellness und kosmetischer Chirurgie;
  • Heute fließen bundesweit nur noch rund 15 Prozent der Kassenausgaben in die ambulante Versorgung. Vor 15 Jahren waren es noch rund 24 Prozent.
  • Ärzte und Praxisteams sind nicht dazu da, um den Patienten die Folgen der Budgetierung also Wartelisten und Rationierung bei veranlassten Leistungen, zu vermitteln.

Baumgärtner stellte klar, dass die Vorbereitungen zum kollektiven Systemausstieg sich nicht gegen die Patienten, sondern gegen die von Politikern auferlegten Rahmenbedingungen richteten. Die Patienten müssten sich nicht vor dem Systemausstieg fürchten, sondern eher davor, was geschehe, wenn Missstände im ambulanten Bereich nicht behoben würden. Er begründete zudem auch die Doppelstrategie, einerseits zu verhandeln und anderseits auf den Systemausstieg zu setzen.

Der Medi-Chef legte den Kollegen einen Sieben-Punkte-Forderungskatalog zur Abstimmung vor.

1. Erhalt der freien Arztwahl und kalkulierbare Rahmenbedingungen.

2. Feste Vergütungen der Arbeit nach Stundensätzen.

3. Ende von Budgetierung, Rationierung und Zuteilungsmedizin.

4. 25 Prozent der GKV-Ausgaben für die ambulante Versorgung durch Niedergelassene.

5. Kostenerstattung als Wahlmöglichkeit.

6. Keine Absenkung der GOÄ.

7. Schluss mit der überbordenden Bürokratie.

Sollten Politiker diese Forderungen erfüllen, sagte Baumgärtner, wäre ein kollektiver Systemausstieg hinfällig.

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