Ärzte Zeitung, 04.06.2008

HINTERGRUND

Sächsisches Diabetesmodell: besser und günstiger als Disease-Management-Programm

Von Katlen Trautmann

 Sächsisches Diabetesmodell: besser und günstiger als Disease-Management-Programm

Die Kontrolle der Füße durch den Arzt gehört bei den meisten Spezial-Programmen für Diabetes-Patienten zum Standard.

Foto: Klaro

Das in den Jahren 2000 bis 2002 in Sachsen praktizierte Diabetes-Management-Programm (SDMP) hat nachweislich zu einem besseren Gesundheitszustand von Diabetikern geführt. Das SDMP war damit ein innovativer Weg, um die Diabetes-Versorgung kontinuierlich und landesweit zu verbessern, heißt es in einer Untersuchung des Institutes für Medizinische Informatik und Biometrie (IMIB) der TU Dresden. "Mit dem Programm ließen sich die mittleren HbA1C- und Blutdruckwerte kontinuierlich über die Zeit in einem ganzen Land senken", sagt Studienleiterin Dr. Ulrike Rothe. Die Ergebnisse der Evaluation wurden im Mai in der Zeitschrift "Diabetes Care" veröffentlicht.

Entscheidend für den Erfolg war nach Ansicht der Autoren die Diskussion der Ergebnisse in Qualitätszirkeln, an denen sich außer Hausärzten auch diabetische Schwerpunktpraxen (DSP) beteiligt haben. "Diese kollektive Debatte half, Barrieren zwischen den Versorgungsebenen niederzureißen und ein System gegenseitiger Unterstützung zu etablieren", sagt Rothe. Die Wissenschaftler, die das SDMP begleitet haben, schlussfolgern, dass nur integrierte Versorgungsstrukturen mit einem Qualitätsmanagement erfolgreich sein können.

Enge Kooperation zwischen Hausärzten und Spezialisten

Dem SDMP lag ein arbeitsteiliges Prinzip zugrunde: Die Hausärzte hatten die Auflage, die Patienten an eine Diabetes-Schwerpunktpraxis zu überweisen, wenn sich die Einstellung der Blutzucker- und Blutdruckwerte binnen zwei Quartalen nicht besserten. Die Schwerpunktpraxen wiederum hatten spätestens nach drei Quartalen die Therapie wieder in die Hände des Hausarztes zu legen.

Am Programm nahmen in Sachsen alle DSP, drei von vier Hausärzten und 291 771 Patienten teil. Mehr als 90 Prozent aller Diabetiker wurden erfasst. Bei der Gruppe A verglichen die Wissenschaftler mehrere quartalsweise Querschnittsuntersuchungen im Beobachtungszeitraum. Eine Kohorte von 105 204 Patienten (Gruppe B) konnte zudem während der gesamten drei Jahre betrachtet werden (Längsschnittstudie).

Eines der ersten Ergebnisse war, dass Patienten früher in eine DSP kamen. Erfolgte dies zu Beginn bei einem medianen HbA1c-Wert von 8,5 Prozent, geschah das am Ende des Programms bei einem HbA1c-Wert von 7,5 Prozent. Zu Programmschluss erreichten 78 Prozent der Gruppe B HbA1C-Werte unter 7,5 Prozent. Zu Beginn des Programms lagen nur 69 Prozent und in einem Vergleichszeitraum 1994 bis 1996 sogar nur 47 Prozent unter diesem Wert. Mehr als jeder zweite Patient (54 Prozent) der Gruppe B reduzierte während der Laufzeit des Programms seinen Wert sogar unter 6,5 Prozent, den Zielwert der Leitlinien. Vor Programmbeginn lagen nur 39 Prozent der Patienten unter diesem Wert.

Auch der Blutdruck besserte sich bei den meisten Diabetikern. Wies anfangs jeder zweite Patient Werte unter 140/90 mmHg auf, waren es am Ende 61 Prozent. Die Zahl der ineffektiv behandelten Patienten halbierte sich. Regionale Differenzen, die zuvor bestanden, konnten weitgehend ausgeglichen werden. Das Programm verbesserte zudem die Langzeit-Compliance der Patienten.

"Während Sachsen international wissenschaftliche Anerkennung vorweisen kann, bleibt das aufoktroyierte Nachfolgermodell DMP einen fundierten Nachweis über die Wirksamkeit schuldig", kommentiert die Leiterin der sächsischen Landesvertretung der Techniker Krankenkasse, Simone Hartmann, die Resultate. "Außer bloßen Einschätzungen existiert nichts, was die behauptete höhere Qualität des DMP im Vergleich zur sächsischen Diabetikerbetreuung belegt", sagt Hartmann.

Kosten des DMP sind deutlich höher als beim Vorläufer

Die dünne Datenlage des Nachfolgemodells lege den Schluss nahe, dass sich seit Einführung des DMP Behandlungsergebnisse in Sachsen wieder verschlechterten. "Die Diabetikerbetreuung in Sachsen wurde vom Bundesgesundheitsministerium und den großen Versorgerkassen kurzerhand als minderwertig etikettiert, um für die DMP und ihre Kopplung an den Risikostrukturausgleich den Weg frei zu räumen", beklagt Hartmann

Auffällig sind vor allem die zusätzlichen Kosten des DMP im Vergleich zum sächsischen Modell. Die Kasse gab in Sachsen im Jahr 2002 für das SDMP 1500 Euro für Verwaltungskosten und 207 000 Euro für Arzt-Honorare aus. Nach Start des DMP stiegen die Kosten im Jahr 2004 auf 50 000 Euro für Verwaltungskosten und 390 000 Euro für Honorare.

STICHWORT

Disease-Management-Programm

Bundesweit sind derzeit rund 2,57 Millionen Diabetiker ins DMP eingeschrieben. Die anerkannten Mehrkosten belaufen sich auf 165 Euro je Patient und Jahr. Sie splitten sich in 85 Euro für Verwaltungskosten und 80 Euro für Honorare. Die Gesamtkosten des Programmes werden derzeit mit 423 Millionen Euro beziffert. Kritiker schätzen die tatsächlichen Kosten je Diabetiker und Jahr auf 300 Euro. In dem Fall würden die Kosten bei 1,4 Milliarden Euro liegen.

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