Ärzte Zeitung, 21.08.2008

Steter Spagat zwischen Kind und Karriere

Die 39-jährige Biologin Kaomei Guan ist eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Wissenschaftsbetrieb. Die Stammzellforscherin aus China ist auch eine der wenigen Top-Forscherinnen, die den Spagat zwischen Kind und Karriere bewerkstelligen.

Von Heidi Niemann

Muss Familie und Wissenschaft zugleich im Blick haben: Die Biologin Kaomei Guan, die am Herzzentrum in Göttingen arbeitet.

Foto: www.blende-elf.de/Rink.

GÖTTINGEN. Kaomei Guan gehört nicht nur zu den wenigen weiblichen Spitzenforschern in der Stammzellforschung, sondern hat mit ihren wissenschaftlichen Arbeiten auch weltweit Aufsehen erregt. Am Herzzentrum der Göttinger Universitätsmedizin leitet die chinesische Forscherin ein Labor, das in wenigen Jahren auf zwölf Mitarbeiter angewachsen ist.

Dieser Erfolg ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie zu den wenigen Top-Wissenschaftlerinnen gehört, die nebenher auch noch den Spagat zwischen Kind und Karriere bewerkstelligen. Jetzt gehört die umtriebige Biologin zu den wenigen Forschern in Deutschland, die mit humanen embryonalen Stammzellen arbeiten dürfen.

Ziel ist klinisch orientierte Grundlagenforschung

Kaomei Guan leitet die dritte Forschergruppe in Niedersachsen, die vom Robert Koch-Institut die Genehmigung zur Einfuhr und zur Verwendung von humanen embryonalen Stammzellen erhalten hat. Die erste Genehmigung hatte im Oktober 2003 der Professor für Biochemie Ahmed Mansouri vom Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie erhalten, vor zwei Jahren folgte Professor Sigurd Lenzen vom Institut für klinische Biochemie der Medizinischen Hochschule Hannover.

Die Göttinger Forscherin will mit den Stammzellen, die aus Labors in Israel, Singapur und den USA kommen, klinisch orientierte Grundlagenforschung betreiben. "Wir wollen gleich mehrere Fragestellungen untersuchen, deshalb brauchen wir unterschiedliche Stammzellen", erklärt die Biologin.

Die Studien sind eine Fortsetzung der Untersuchungen, deren spektakuläre Ergebnisse vor zwei Jahren in der Fachzeitschrift "Nature" publiziert worden waren. Kaomei Guan war die Erstautorin dieser Studie, die international für Furore sorgte: Den Göttinger Wissenschaftlern war es gelungen, aus den Hoden erwachsener Mäuse Stammzellen zu gewinnen, die die gleichen Eigenschaften wie embryonale Stammzellen haben.

Diese kultivierten Zellen besitzen die Fähigkeit, in die verschiedensten Gewebe auszudifferenzieren. Unter anderem konnten die Forscher aus diesen adulten Stammzellen Herz-, Gefäß-, Haut-, Leber-, Bauchspeicheldrüsen- und Blutzellen gewinnen. Mit diesem Verfahren, das bereits patentiert ist, bot sich erstmals eine Alternative zu der ethisch umstrittenen Verwendung von embryonalen Stammzellen für neue therapeutische Verfahren.

Eigentlich wollte die Forscherin nur für ein Jahr in Deutschland bleiben.

Für die Forschung können Kaomei Guan und ihr Team jedoch nicht auf embryonale Stammzellen verzichten. Das Problem ist, dass offenbar Unterschiede in den Stammzellen aus dem Hoden von Maus und Mensch bestehen. So ist es bislang nicht gelungen, auch aus dem menschlichen Hodengewebe Stammzellen zu etablieren, die in verschiedene Zelltypen ausdifferenzieren können. "Wir brauchen deshalb menschliche embryonale Stammzellen für Vergleichszwecke", sagt die Biologin. "Wir wollen sehen, wo die Unterschiede zu Stammzellen aus menschlichem Hodengewebe liegen."

Die Forscher wollen herausfinden, welche Faktoren und Bedingungen entscheidend sind, damit auch die Zellen aus menschlichem Hodengewebe diese pluripotenten Eigenschaften entwickeln.

Außerdem wollen die Göttinger Forscher durch Vergleichsuntersuchungen klären, mit welchen Verfahren sich Stammzellen zu Vorläuferzellen des Herzens ausdifferenzieren lassen und welche Zellen sich am besten eignen.

Diese Frage ist auch der Ausgangs- und Mittelpunkt der Arbeiten von Kaomei Guan: Ihr Team ist auf der Suche nach einem Ersatz für infarktgeschädigte Herzmuskelzellen. Dass die chinesische Forscherin in Göttingen landete, war eher ein Zufall. Kaomei Guan hat in Peking Biologie und Zellbiologie studiert und danach zwei Jahre an der Universität als Assistentin gearbeitet.

1995 wechselte sie an das Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben, um den Wissenschaftsbetrieb in Deutschland kennen zu lernen. Eigentlich wollte sie dort nur ein Jahr verbringen, doch dann bekam sie die Chance zu promovieren. Kurz vor Abschluss der Promotion lernte sie ihren späteren Ehemann kennen. "Deshalb bin ich hiergeblieben, das war Schicksal", sagt sie. Inzwischen arbeiten beide in der Universitätsmedizin und haben eine vierjährige Tochter. "Eigentlich habe ich zu wenig Zeit für sie", sagt die Biologin.

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