Ärzte Zeitung, 22.08.2008

Hintergrund

Hausbesuche -  ein chronisches Problem, kein TV-Skandal

Immer weniger Fachärzte sind in Hessen zu Hausbesuchen bereit, berichtete das Magazin "Report Mainz". Stattdessen seien Krankentransporte nötig. Von Sabine Schiner

Foto: Klaro

"Report Mainz" hatte am Dienstag über den Fall einer älteren Patientin berichtet, die sich für einen Katheterwechsel von einem Krankenwagen in die Praxis des Urologen Michael Weidenfeld bringen lassen musste.

Auf die Frage, warum er die Patientin nicht zu Hause versorge, erwiderte der Facharzt vor laufenden Kameras: "Es ist für uns nicht mehr zumutbar für ein so geringes Entgelt die Serviceleistung des Hausbesuchs zu erbringen." 17 Euro bekäme er für den Erstbesuch im Quartal und sechs Euro für den zweiten Besuch - das sei nicht rentabel.

Ihm pflichtete KV-Chefin Dr. Margita Bert in einem Interview bei: Ärzte wollten sich nicht länger ausbeuten lassen. In der "Hessenschau" gab daraufhin Jörg Osmers, Abteilungsleiter Gesundheit im Sozialministerium in Wiesbaden, bekannt, dass es das Ministerium nicht hinnehmen werde, dass "alte und wehrlose Menschen dafür missbraucht werden, um finanzielle Forderungen durchzusetzen". Das Verhalten der KV sei inakzeptabel. Es sei vielmehr Aufgabe der KV, sicherzustellen, dass die Menschen versorgt werden können. "Wenn die KV dieser Aufgabe nicht nachkommt, stellt sie sich selbst als Körperschaft des öffentlichen Rechts in Frage", so Osmers.

Kurz nach der Sendung hat Gerd Krämer, Staatssekretär im Sozialministerium, die KV-Vorsitzende Bert zu einem Gespräch ins Ministerium einbestellt. "Es gibt dringlichen Klärungsbedarf", so Krämer. Die KV müsse unverzüglich aufweisen, in welchen Bereichen eine fachärztliche Betreuung in Pflegeheimen nicht mehr gewährleistet ist und müsse Missstände sofort beheben.

Das Ministerium hat akuten "Klärungsbedarf"

Die KV Hessen hat daraufhin den Vertragsärzten schriftlich mitgeteilt, wann sie nach dem Bundesmantelvertrag zu Hausbesuchen verpflichtet sind - etwa bei einem Notfall oder wenn es sich um eine konsiliarische Beratung handelt. Die Beurteilung, ob ein Hausbesuch notwendig sei, obliege allerdings immer dem Arzt.

"Wir sind nicht froh über die Richtung, die die Debatte genommen hat", sagt KV-Sprecher Karl Matthias Roth auf Anfrage der "Ärzte Zeitung". Fakt sei, dass die Hausbesuche nicht kostendeckend honoriert würden.

Die Mittel, die die Krankenkassen zur Verfügung stellen würden, seien unzureichend. Roth: "Bei 30 Prozent Unterfinanzierung kann man auch nicht von einem Verteilungsproblem reden". Dieser Meinung ist auch Dr. Thomas Scharmann, Bundesvorsitzender des Deutschen Facharztverbandes (DFV) in München. Die Standardantwort der Kassen, es sei genügend Geld im System, es müsse nur anders verteilt werden, führe nicht mehr weiter. Scharmann: "Die Kassen stehen in der Verantwortung, hier deutlich mehr Geld einzubringen." Die Rückendeckung von Seiten der KV nehmen die Fachärzte erfreut zur Kenntnis. "Dass sich die KV auf unsere Seite gestellt hat, freut uns", sagt etwa der Urologe Dr. Rainer Straße aus Rüsselsheim der "Ärzte Zeitung".

Er ist Vorstandsmitglied der Genossenschaft Hessische Urologen und fordert seit langem, die Vergütung für Hausbesuche zu erhöhen. "Ohne Gewinn kann eine Praxis nicht laufen", sagt er. Jeder Hausbesuch schwäche den Punktwert aller Urologen in Hessen. Den Vorwurf des SPD-Gesundheitspolitikers Karl Lauterbach, Ärzte und KV versuchten, Politiker zu erpressen, um mehr Geld zu bekommen, empfindet er als unfair. "Viele meiner Kollegen haben Patienten, bei denen sie seit Jahren Hausbesuche machen", sagt der Urologe. Die Genossenschaft habe den hessischen Kassen vor drei Monaten ein neues Modell für die Regelung von Krankentransporten vorgeschlagen - die Antwort der Kassen stehe noch immer aus.

Hausbesuche - So steht es im Mantelvertrag

Paragraf 17 Absatz 6 Bundesmantelvertrag: Hausbesuche sind Aufgabe des behandelnden Hausarztes. Ein Facharzt ist zur Besuchsbehandlung berechtigt und verpflichtet, wenn er zur konsiliarischen Behandlung hinzugezogen wird und wenn wegen der Erkrankung aus seinem Fachgebiet ein Besuch nötig ist.

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