Ärzte Zeitung online, 29.08.2008

Arzthonorar: KBV trotzt den Kassen 2,7 Milliarden Euro zusätzlich ab

BERLIN (ble). Die Vertragsärzte und Psychotherapeuten in Deutschland erhalten im kommenden Jahr rund 2,7 Milliarden Euro mehr Honorar: Gewinner der Reform sind dabei die Ärzte im Osten. Sie erhalten bis zu 20 Prozent mehr Geld, so KBV-Chef Dr. Andreas Köhler heute in Berlin. Mager fällt hingegen das Ergebnis für die Ärzte im Süden aus.

Arzthonorar: KBV trotzt den Kassen 2,7 Milliarden Euro zusätzlich ab

Foto: Melanie Vollmert©www.fotolia.de

Nach über siebenstündigen Verhandlungen hatten sich KBV und der Schlichter im Erweiterten Bewertungsausschuss, Professor Jürgen Wasem, gestern Abend gegen den Willen der Kassen auf ein Honorarplus von rund 10 Prozent geeinigt.

Zwischenzeitlich hatten die Verhandlungen kurz vor dem Scheitern gestanden (wir berichteten), ehe Wasem das Ost-Honorar noch einmal um 100 Millionen Euro aufstockte. Der jetzt ausgehandelte bundesweite Orientierungspunktwert liegt bei 3,5085 Cent.

Arzthonorar im Osten nun fast auf Westniveau

Gewinner der Honorareinigung sind die Ärzte im Osten. Sie können mit Umsatzsteigerungen von bis zu 20 Prozent rechnen. Insgesamt steigt dort die Vergütung im kommenden Jahr von aktuell 81 Prozent auf 94 bis 95 Prozent des Westniveaus. Kollegen in Berlin sollen im kommenden Jahr zwischen 10 und 13 Prozent mehr erhalten, Vertragsärzte in Westfalen-Lippe 14 Prozent. Auch die Ärzte in Niedersachsen sollen mehr als zehn Prozent zusätzlich bekommen.

Wenig für Ärzte in Nordrhein, Baden-Württemberg und Bayern

Unterdurchschnittlich dürften hingegen die KV-Bezirke Nordrhein (4-4,5 Prozent) und Rheinland-Pfalz (keine Nennung) abschneiden. Für Baden-Württemberg rechnet Köhler mit einem nahezu gleich bleibenden Honorarvolumen. Durch Einnahmen aus den weiter abrechenbaren extrabudgetären therapeutischen Leistungen könnte sich das Honorarplus allerdings auf 2 bis 3 Prozent belaufen.

Die Ärzte in Bayern sollen inklusive dieser Leistungen und einer um zehn Prozent gestiegenen abrechenbaren und besser honorierten Leistungsmenge zwischen 4 und 5 Prozent mehr Geld erhalten.

Köhler: Hürde zu einer leistungsgerechten Vergütung genommen

Nach 20 Jahren des Einfrierens ärztlicher Honorare sei nun eine der wichtigsten Hürden hin zu einer leistungsgerechten Vergütung in Euro und Cent genommen, sagte Köhler. Für drei weitere Jahre bleiben die Budgets von Haus- und Fachärzten getrennt. Ohne diese Trennung, so KBV-Vize Dr. Carl-Heinz Müller, wären bis zu 8 Prozent des Honorarvolumens von den Hausärzten an die Fachärzte geflossen. Steigende Praxiskosten sollen bei der Honorierung berücksichtigt werden.

Kassen hadern mit Einigung von KBV und Wasem

Die Kassenseite zeigte sich vom Ergebnis enttäuscht: "Diese massive Honorarerhöhung werden leider alle Versicherten deutlich in ihren Portemonnaies spüren. Die Ärzte und der Schlichter haben sich gegen die Stimmen der Kassen geeinigt", kommentierte Johann-Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorsitzender des Vorstands des GKV-Spitzenverbandes und Verhandlungsführer der Krankenkassen in einer ersten Reaktion. "Das Ergebnis führt zu einer Gesamtbelastung von mindestens 2,5 Milliarden Euro. Weil in dem entscheidenden Beschlussgremium, dem Erweiterten Bewertungsausschuss, mit einfacher Mehrheit entschieden werden kann, konnten die Kassen diese neuen Belastungen der Beitragszahler nicht verhindern."

Gesundheitsministerin Schmidt begrüßt Ergebnis

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) begrüßte den Ausgang der Verhandlungen: "Das Ergebnis zur Vergütung stellt eine kräftige Erhöhung der Honorare für die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland dar. Wir erwarten, dass sich dies durchgängig in einer qualitativ hohen und guten Versorgung für die Versicherten niederschlägt. Die Beitragszahler haben überall in Deutschland einen Anspruch darauf.

Mit der Honorierung der Vertragsärzte in Euro und Cent muss auch eine unterschiedliche Servicequalität in den Praxen für GKV-Versicherte und PKV-Versicherte der Vergangenheit angehören."

Hoppe gratuliert Köhler

Bundesärztekammerpräsident Professor Jörg-Dietrich Hoppe beglückwünschte Köhler für seine Verhandlungsführung: "Die jetzt beschlossenen Honorarsteigerungen sind deshalb ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer angemessen Vergütung der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte. KBV-Vorstand Köhler war hartnäckig in den Verhandlungen und hat für die Ärzte ein gutes Ergebnis erzielt."

NAV-Virchowbund wirft Köhler Ahnungslosigkeit vor

Der Chef des NAV-Virchowbundes, Dr. Klaus Bittmann, gratulierte Köhler zwar zum Ergebnis, warf ihm aber mit Blick auf einen Nachholbedarf von insgesamt 7 Milliarden Euro eine verfehlte Verhandlungstaktik vor: "Wer zuerst gut 3 Milliarden Euro unter den Tisch fallen lässt, dann 4,5 Milliarden beansprucht und mit einer 2,5-Milliarden-Forderung in die Verhandlung geht, zeigt, dass er von Verhandlungstaktik keine Ahnung hat", begründete Bittmann seine Kritik.

Winn: Zugeständnis im allerletzten Augenblick

Der Vorsitzende des Hartmannbundes, Dr. Kuno Winn, sprach von einem "Zugeständnis im allerletzten Augenblick." Nun müsse es darum gehen, in einem konstruktiven Dialog nachzusetzen, um weitere Verbesserungen in der ambulanten und stationären Versorgung zu erringen. "Bisher haben wir lediglich über Minimalforderungen diskutiert. Wir sind noch lange nicht am Ziel", so Winn.

Grauduszus: Seit langem überfällige Nachzahlung

Der Präsident der Freien Ärzteschaft, Martin Grauduszus, bezeichnete die erreichte Einigung als "seit Langem überfällige Nachzahlung auf offen stehende Rechnungen für bislang nicht bezahlte Leistungen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland." Im übrigen werde es sich schon in naher Zukunft erweisen, ob es sich bei diesem Abschluss nicht lediglich um buchhalterische Spielereien politisch gegängelter Körperschaften handele.

Das weitaus wichtigere Problem der akut drohenden Industrialisierung der Gesundheitsversorgung in Deutschland habe man einmal mehr nicht angepackt: "Einer krank machenden Gesundheitspolitik, die auf Call-Center, Medizinische Versorgungszentren und Gesundheitsfabriken setzt, muss Einhalt geboten werden!"

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