Ärzte Zeitung online, 26.09.2008

"Krankenhaus im Würgegriff": Über 130 000 Klinikmitarbeiter protestierten

BERLIN (ble/dpa). Es war die größte Demonstration im Gesundheitswesen in der Geschichte der Bundesrepublik. Über 130 000 Klinikärzte, Krankenhausmanager, Pflegekräfte und Auszubildende kamen am Donnerstag in Zügen und über 600 von der Polizei gezählten Bussen nach Berlin, um gegen die aus ihrer Sicht ruinöse Krankenhauspolitik der großen Koalition zu demonstrieren.

"krankenhaus im würgegriff": über 130 000 klinikmitarbeiter protestierten

Das schöne Wetter trug sicher auch dazu bei, dass 130 000 Klinikmitarbeiter auf die Straßen Berlins gingen.
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Foto: Bauchspieß

Das Wetter hatte ein Einsehen und präsentierte sich in strahlendem Blau und bei angenehmen Temperaturen. In drei Sternmärschen machten sich die aus dem ganzen Bundesgebiet angereisten und mit Trillerpfeifen, Rasseln und Plakaten ausgerüsteten Teilnehmer am späten Vormittag auf zum Brandenburger Tor. Von dort standen die Demonstranten zum Auftakt der Hauptkundgebung um kurz nach 13 Uhr dann bis kurz vor der knapp zwei Kilometer entfernten Siegessäule an, um den Rednern zuzuhören.

"Aktionsbündnis zur Rettung der Krankenhäuser" hatte zur Demonstration aufgerufen

Zur Demonstration aufgerufen hatte ein breites "Aktionsbündnis zur Rettung der Krankenhäuser" aus Ärzte- und Pflegeverbänden, Gewerkschaften, kommunalen und kirchlichen Arbeitgebern. Sie hatten nur mit 60000 Demonstranten gerechnet.

Auf der zentralen Kundgebung forderte der Chef des Marburger Bundes, Rudolf Henke, auskömmliche Erlöse für die Kliniken. 16 Jahre gedeckelte Budgets, Kostendämpfung, Personalabbau und Leistungsintensivierung hätten tiefe Spuren in den Krankenhäusern hinterlassen. Diesen seien in dieser Zeit Mittel in Höhe von 100 Milliarden Euro entzogen worden.

Unter der Arbeitsintensivierung müssen auch die Patienten leiden

Die daraus resultierende Arbeitsintensivierung und Leistungsverdichtung bei Ärzten und Pflegern hätten ein Maß erreicht, das darunter die Zuwendung zu den Patienten leide, bilanzierte Henke. So müsse in Großbritannien ein Krankenhausarzt im Jahr statistisch gesehen 120 Patientinnen und Patienten versorgen, in Norwegen seien es 102 und in der Schweiz 69 - in Deutschland hingegen 146. Die Situation in der Pflege sei nicht besser. Der ständige Akkord sei ein wesentlicher Grund für den Burn-out, den viele Krankenhausärzte über kurz oder lang erlitten.

Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Rudolf Kösters, forderte von Bund und Ländern den Ausgleich der Deckungslücke der Kliniken, die er auf 6,7 Milliarden Euro bezifferte. "Wir können das nicht mehr alleine packen", sagte Kösters. Die Krankenhäuser befänden sich in einem "ökonomischen Würgegriff". Das von der Bundesregierung angekündigte Finanzpaket von insgesamt 3,2 Milliarden Euro reicht Kösters zufolge nicht aus.

Er warf der Regierung vor, die Achtung vor der Leistung der Klinikmitarbeiter verloren zu haben. Mehr als ein Drittel der rund 2100 Krankenhäuser in Deutschland sei akut insolvenzgefährdet.

Christian Ude, Präsident des Deutschen Städtetags und Oberbürgermeister von München, warnte die Koalition vor einem Krankenhaussterben und einer Privatisierungswelle. Die von der Bundesregierung versprochenen frischen Mittel bezeichnete er als "Beruhigungsspritze".

Der Chef der Dienstleistungsgewerkschaft, Frank Bsirske, forderte Korrekturen am Gesetzentwurf zur künftigen Krankenhausfinanzierung. Mit Blick auf den Reichstag forderte er die Parlamentarier auf, sich für oder gegen die Interessen der Beschäftigten und Patienten zu erklären. In den vergangenen Jahren seien 100 000 Stellen abgebaut worden, 50 000 davon allein in der Pflege - und das, obwohl mittlerweile eine Million Patienten mehr zu versorgen seien als noch vor zehn Jahren, kritisierte er.

Krankenkassen werten den Protest als völlig unbegründet

Als völlig unbegründet bewerteten hingegen die Kassen den Protest. Ihnen zufolge sind Klinikschließungen unvermeidlich. Der Vizechef des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen, Johann-Magnus von Stackelberg, forderte die Deutsche Krankenhausgesellschaft in einer Mitteilung auf, sich einem aus seiner Sicht notwendigen Strukturwandel zu stellen, "statt ihn nur zu beklagen und mehr Geld zu fordern".

Pro Nacht lägen im Durchschnitt in ganz Deutschland rund 390 000 Menschen im Krankenhaus. Das seien 65 000 weniger als noch 1999 und liege vor allem daran, dass die Menschen immer kürzer im Krankenhaus seien: Habe die durchschnittliche Verweildauer 1990 noch bei 14,7 Tagen gelegen, sei sie von über 9,9 Tage im Jahr 1999 auf nur noch 8,5 Tage im Jahr 2006 gesunken. Wenn immer weniger Krankenhausbetten gebraucht würden, brauche es auch weniger Krankenhäuser, so von Stackelberg.

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