Ärzte Zeitung, 16.10.2008

Vernetzung: Die fachfremde Kooperation steht bei Niedergelassenen hoch im Kurs

Wenn Niedergelassene über das Thema Kooperation nachdenken, geht es meist um die Zusammenarbeit mit fachfremden Kollegen. Meist, wohl gemerkt - so mancher Arzt setzt auf ganz andere Partner.

Bei der Zusammenarbeit wollen Ärzte ihr Leistungsspektrum erweitern.

Von Rebekka Höhl

"Welche Art der Vernetzung hat für Sie höchste Priorität?", war eine Frage im großen Praxis-Quorum zu neuen Versorgungsformen. Fast 3500 Niedergelassene haben bei der gemeinsamen Umfrage von "Ärzte Zeitung" und PVS/Die Privatärztlichen VerrechnungsStellen mitgemacht.

Dabei ging es in der Frage nicht nur um organisatorische, sondern auch um fachliche Aspekte. Eines steht fest: Jeder Zweite möchte sich ganz klar mit Kollegen anderer Fachrichtungen zusammentun. Fast ein Viertel wählt lieber den Weg mit Kollegen gleicher Fachrichtung und für 13  Prozent steht die Zusammenarbeit mit Kliniken ganz oben. Wobei alle drei Wege ihre Berechtigung haben und für den jeweiligen Arzt auch der richtige Zukunftsweg sein könnten. Wer fachfremd kooperiert, kann etwa einen größeren Teil der ambulanten Versorgung abdecken.

Bis zu drei Kollegen kann ein Arzt anstellen

Mit dem Vertragsarztrechtsänderungsgesetz geht dies sogar über die KV-Grenzen hinweg, beispielsweise indem die Ärzte eine überörtliche Berufsausübungsgemeinschaft gründen. Hierzu müssten noch nicht einmal die Praxisstandorte zusammengelegt werden. Außerdem steht Niedergelassenen der Weg der Anstellung offen: Bis zu drei Ärzte kann ein Praxischef problemlos anstellen und auch diese angestellten Ärzte können fachfremd sein.

Aber auch wer lieber mit fachgleichen Kollegen kooperiert, kann Synergien nicht nur in der Patientenversorgung nutzen. Eine Apparategemeinschaft bietet etwa bei den Praxiskosten erhebliches Sparpotenzial.

Interessant dürfte in den nächsten Jahren aber auch die Zusammenarbeit mit Kliniken werden. Für 13 Prozent der Umfrageteilnehmer hat sie höchste Priorität. Eine Möglichkeit wäre hier, dass Kliniken Spezialambulanzen bieten und die Versorgung drum herum niedergelassene Ärzte übernehmen. So macht es etwa das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein im Bereich der Pädiatrie. Denn nicht jede Klinik will Konkurrenz zu den Niedergelassenen sein. Hier braucht es aber hin und wieder auch den Mut der Niedergelassenen, an die Kliniken mit Kooperationsmodellen heranzutreten.

Gerade in der gemeinsamen Betreuung von Patienten wird dies immer wichtiger, wie ein anderes Beispiel zeigt, nämlich die Versorgung chronischer Wunden. Vom einzelnen Haus- oder Facharzt ist eine moderne, leitliniengerechte Wundversorgung alleine kaum mehr zu schaffen. Im "Behandlungszentrum Chronische Wunde" des Klinikums Marktoberdorf im Allgäu hat man daher eine Organisationsstruktur geschaffen, die Kliniker, Niedergelassene und Pflegedienste eng miteinander vernetzt. Die Patienten stellen sich im Zentrum vor, dort wird ein Therapiekonzept entworfen und ein Rezept für das Behandlungsmaterial ausgestellt. Damit gehen die Patienten dann zu ihrem Hausarzt.

Möglich sind zudem kliniknahe Ärztehäuser, die gar nicht immer den Kliniken gehören müssen. Gerade Fachärzte aus den Bereichen Radiologie, Nuklearmedizin oder Ärzte, die bestimmte ambulante Op-Leistungen erbringen können, sind hier durchaus gefragt. Es muss also gar nicht immer das MVZ in Klinikhand sein. Und Kooperation muss sich längst nicht nur auf Zuweisung beschränken.

Sehr interessant ist die Tatsache, dass fünf Prozent der Ärzte schon weiter denken und vorrangig mit nicht-ärztlichen Leistungserbringern kooperieren wollen. Ganz konkret könnte sich also der Trend der Ärztehäuser, in denen zum Beispiel Physiotherapeut, Logopäde oder auch Apotheker gleich mit drin sitzen, fortsetzen. Das bestätigt auch F.-Arnold Thüning, innerhalb des PVS-Zusammenschlusses für Marketing zuständig: "Aus den Erfahrungen der PVS ist hier schon ein deutlicher Trend vorhanden, der sich wohl weiter fortsetzen wird." Vor allem in den Ballungsgebieten wird sich laut Thüning hier in Zukunft einiges tun.

Die Priorität liegt bei Kassenpatienten

Vernetzung spielt sich übrigens gar nicht ausschließlich im Bereich der Privatleistungen ab. Ganz im Gegenteil: 85 Prozent der niedergelassenen Ärzte, die sich an der Umfrage beteiligt haben, wollen im Bereich der Kassenleistung nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit suchen. Kassenpatienten stehen hier also nicht hinten an. Aber immerhin 67 Prozent sehen dies auch für den Bereich der Privatleistungen vor.

Ihre Erfahrungen sind gefragt

Sind Sie schon in Sachen Vernetzung und neue Versorgungsformen aktiv geworden? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Wie sehen Ihre konkreten Pläne aus?

Schreiben Sie uns: Mail: wi@aerztezeitung.de Fax: 0 61 02 / 50 61 78

Weitere Beiträge zur Serie:
"Das große Praxisquorum"

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