Ärzte Zeitung online, 26.11.2008

Kommentar

Die Urheber der "German Disease"

Von Helmut Laschet

Im Ausland mokiert man sich gern über ein deutsches Phänomen: die "German Disease". Das ist eine tiefe Bewusstseinsspaltung - die fast durchgängig von Patienten als gut erlebte ärztliche Versorgung einerseits und das Urteil der (meist gesunden) Bürger über das angeblich marode Gesundheitssystem andererseits.

Wie die German Disease entsteht und wer die Viren dieser Epidemie verbreitet, war beim Handelsblatt-Kongress "Health 2009" zu hören: Urheber sind die Top-Manager des Gesundheitssystems, die sich in ihrer Übellaunigkeit und Destruktion gegenseitig bestärken, dies in ihre Organisationen tragen und in Medien verbreiten. Willige Mittäter: sensationslüsterne Journalisten.

Tatsache ist: Der Gesundheitsfonds ist da. Seit gut einer Woche kennen die Kassen ihre Einnahmen. "Nicht sonderlich überraschend" fanden viele hochkarätige Kassenvertreter den Inhalt der BVA-Bescheide - längst hatten sie zuvor eigene Simulationen angestellt. Vor allem aber: Fast elf Milliarden Euro fließen den Krankenkassen 2009 zusätzlich zu.

2009 - das Jahr der Buchhalter

Doch statt attraktive Leistungs- und Versorgungspolitik zu gestalten, wird das "Jahr der Buchhalter" ausgerufen. Ohne Rücksicht auf sinnvolle Strukturen werden Sonderverträge für förderungswürdige Leistungen, Vereinbarungen zur Onkologie und Sozialpsychiatrie gekündigt. Neue, vom Bundesausschuss beschlossene Leistungen werden - angeblich mangels Finanzmasse - nicht bedient. "2009 wird das Jahr der ambulanten Versorgungsprobleme", unkt KBV-Chef Dr. Andreas Köhler. Man möchte nicht glauben, dass er erst vor knapp drei Monaten einen historisch einmaligen Honorarabschluss für die Vertragsärzte erstritten hat.

Sie nennen sich gern Manager und werden auch ganz passabel bezahlt: die Funktionärseliten im Gesundheitswesen. Aber sie machen in der Öffentlichkeit zu häufig einen lausigen Job. Genau wie jene Banker, die angesichts der Leichen im eigenen Keller keinem anderen Banker einen müden Euro leihen.

Dämonisierung - das ist Nährboden für Rattenfänger

Doch im Gesundheitswesen geht es nicht um Kreditgeschäfte mit hohem Risiko. 167 Milliarden Euro Einnahmen sind den Krankenkassen bis auf ein Restrisiko von wenigen Promille sicher - das gleiche gilt für die Umsätze von Vertragsärzten, Krankenhäusern und Pharma-Industrie.

Das Katastrophengerede ist gefährlich: Es untergräbt das Vertrauen der Bürger in die sozialen Sicherungssysteme, die konstituierend für unsere Gesellschaft und unseren Staat sind. Die Unvollkommenheit von Reformen rechtfertigt nicht ihre Dämonisierung. Das ist nämlich der Nährboden für politische Rattenfänger.

Lesen Sie dazu auch:
Köhlers düsteres Szenario für das Jahr 2009

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