Ärzte Zeitung online, 30.12.2008

Hausarztvertrag: Pädiater fürchten Ausschluss von der Basisversorgung

BERLIN (maw). Die in Bayern und Baden-Württemberg mit der AOK geschlossenen Hausarztverträge rufen nun den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) auf den Plan. Dessen Präsident Dr. Wolfram Hartmann fürchtet den Ausschluss der Pädiater von der Basisversorgung von Kindern und Jugendlichen.

Hausarztvertrag: Pädiater fürchten Ausschluss von der Basisversorgung

Foto: Photodisc

Hartmann sieht für seinen Berufsstand in der Basisversorgung schwarz: "Diese gesetzlich geschaffene Vorgabe, dass Krankenkassen mit Hausarztverbänden, die die Mehrheit der Allgemeinmediziner in einer bestimmten Region repräsentieren, Hausarztverträge abschließen müssen, wird von der AOK und dem Hausärzteverband nach den bisherigen Erkenntnissen dahingehend genutzt, die besondere Kompetenz des Kinder- und Jugendarztes aus der ambulanten Regelversorgung weitgehend auszugrenzen."

Für die Grundversorgung der Kinder und Jugendlichen beinhalteten die jüngst abgeschlossenen Hausarztverträge der AOK in Baden-Württemberg und Bayern in keiner Weise die an eine abgeschlossene fachärztliche Weiterbildung in Kinder- und Jugendmedizin gebundene besondere Qualifikation eines Kinder- und Jugendarztes, so Hartmann. Und: "Von einer Qualitätsverbesserung in der Versorgung der Versicherten, wie von der Politik vollmundig versprochen, kann keine Rede sein."

So gäben diese Verträge keine qualitativen Vorgaben zur Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit ihrem besonderen Problemen und Erkrankungen, kritisiert Hartmann. Es würden beispielsweise keinerlei eingehende Kenntnisse in der komplexen Arzneimittelversorgung dieser Altersgruppe vorausgesetzt, ebenso wenig eingehende Kenntnisse in den besonderen Problemen der Entwicklung von Psyche, Sprache, Motorik usw.

Die europaweit nahezu einzigartige pädiatrische Qualität in der ambulanten Grundversorgung von Kindern, wie sie durch die niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte garantiert werde, werde durch solche Verträge nach Auffassung des Verbandes mit Füßen getreten. Aber mehr noch: Hiernach braucht es den Kinder- und Jugendarzt in der ambulanten Regelversorgung in Zukunft gar nicht mehr zu geben, wie der BVKJ seine Einschätzung in einer Mitteilung verbreitet.

Dem Angebot von Bayerns Hausärztechef Dr. Wolfgang Hoppenthaller, die Pädiater könnten dem Hausarztvertrag beitreten (wir berichteten), verweigert sich Hartmann strikt. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte stellt klar, so Hartmann, dass er seinen Mitgliedern dringend abrät, solche Verträge zu unterzeichnen. "Hiermit unterschreiben wir das Todesurteil für unsere Fachgruppe", verdeutlicht er. "Auch wenn der Gesetzgeber vorgesehen hat, dass bei Allgemeinärzten eingeschriebene Kinder und Jugendliche weiterhin ohne Überweisung einen Kinder- und Jugendarzt aufsuchen dürfen, fallen solche Kinder und Jugendliche durch die Einschreibung aus der Regelversorgung durch die Kinder- und Jugendärzte heraus", betont Hartmann. Außerdem sei es nicht gesichert, dass der Kinder- und Jugendarzt für seine Tätigkeit in diesen Fällen auch ein angemessenes Honorar erhalte. Denn der Gesamtvergütung im hausärztlichen Versorgungsbereich würden durch diese Hausarztverträge umfangreiche Mittel entzogen. Es bleibe völlig unklar, ob genügend Geld für die Versorgung außerhalb der Verträge zur Verfügung stehe.

Die Kinder- und Jugendärzte rieten deshalb allen Eltern dringend davon ab, ihre Kinder in Hausarztverträge einzuschreiben, denn sie enthielten für ihre Kinder keine Verbesserung der Versorgung. Es gäbe auch Krankenkassen, die Kinder und Jugendliche fördern und Verträge anböten, die eine Qualitätsverbesserung beinhalteten.

Hartmann schiebt den Schwarzen Peter für die missliche Situation der Pädiater der Gesundheitspolitik zu, die den Kinder- und Jugendärzten diese existenziell bedrohliche Situation eingebrockt habe. Hartmann: "Wer vorhat, dass er Kinder- und Jugendärzte in der Grundversorgung nicht mehr haben will, soll uns das bitte ins Gesicht sagen. Momentan hören wir nur die Beteuerung, dass die Grund- und Regelversorgung der Kinder und Jugendlichen durch den Kinder- und Jugendarzt erfolgen soll. Man schafft aber gleichzeitig die gesetzlichen Möglichkeiten, genau das Gegenteil zu erreichen."

Die Kinder- und Jugendärzte verweisen auf eine Blitz-Umfrage unter mehr als 500 Eltern in Bayern, wonach sich alle für den unbedingten Erhalt der ambulanten Grundversorgung ihrer Kinder durch den Pädiater ausgesprochen hätten. "Wir sind uns bewusst, dass wir in den Eltern unsere stärkste Lobby haben", so Hartmann. Der BVKJ werde darauf politisch in Zukunft sehr viel stärker bauen und die Eltern auf die drohende Gefahr einer schlechteren künftigen Versorgung ihrer Kinder hinweisen.

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