Ärzte Zeitung, 08.01.2009

Patientenakte, Samstagssprechstunde -  was den MVZ der Techniker Kasse Zulauf beschert

Bei Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) sind für Patienten gerade die Aspekte attraktiv, die über das medizinische Angebot hinausgehen. Diese Erfahrung hat die Techniker Krankenkasse (TK) in der Startphase der von ihr entwickelten Marken-MVZ unter dem Namen Atrio-Med gemacht.

Von Ilse Schlingensiepen

Die von der Techniker Kasse entwickelten Marken-MVZ - hier das Atrio-Med-MVZ in Köln - nehmen regelmäßig Patientenbefragungen vor.

Foto: iss

"Gerade die verlängerten Sprechstundenzeiten und die Öffnung des MVZ am Samstag werden von den Patienten sehr geschätzt", berichtete Dr. Torsten Hecke, Leiter des Projekts Medizinische Versorgungszentren bei der TK, bei einer Fachtagung der TK Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf.

Im September 2007 hat die Kasse in Kooperation mit einer Betreibergesellschaft in Köln das erste fachärztlich ausgerichtete Atrio-Med eröffnet. Inzwischen hat ein solches MVZ in Hamburg die Arbeit aufgenommen, als nächste Standorte folgen Berlin und Leipzig. "Unser Ziel war, ein hochwertiges Angebot für die Patienten zu entwickeln - im medizinischen Bereich, aber auch jenseits der Medizin", sagte Hecke.

Einzugsgebiet des MVZ geht über das Stadtgebiet hinaus

Im Kölner Zentrum seien bislang rund 7000 TK-Versicherte behandelt worden, berichtete er. Ein großer Teil der Patienten komme aus dem direkten Stadtgebiet, doch das Einzugsgebiet gehe inzwischen relativ weit über Köln hinaus. Die am stärksten frequentierten Fachärzte im Atrio-Med sind Orthopäden und Gynäkologen. Zur Evaluation, mit der die TK die Arbeit des MVZ begleitet, gehören auch Patientenbefragungen. Sie zeigen, dass für die Versicherten zusätzliche Service-Angebote von besonderer Bedeutung sind, sagte Hecke. "Gerade am Samstag wird das MVZ sehr gut frequentiert." Gleichzeitig schätzen die Patienten aber auch die interdisziplinäre Arbeit im Zentrum. "Die Patienten sind mit der Betreuung durch Ärzte sehr viel zufriedener als vorher mit der Behandlung in einer Einzelpraxis."

Noch sei nicht klar, woran das liege, sagte er. Mögliche positive Faktoren seien die zentrale arztgeführte Patientenakte und die Konsiliargespräche. "Offensichtlich erfahren die Patienten eine höhere Wertschätzung durch die Ärzte", so Hecke.

Den Zugriff auf die Patientenakte sehen nach seinen Angaben auch viele Ärzte als Nutzengewinn durch die Arbeit im MVZ. Wichtig sei für die Mediziner auch die Vernetzung mit anderen Leistungserbringern. "Erst dann können die Patienten Versorgung aus einer Hand erhalten."

Nach Einschätzung von Rainer Schwitalski, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Medizinische Versorgungszentren (BMVZ) und Geschäftsführer des MVZ Lübbenau, liegt die Zukunft der MVZ vor allem in der Schwerpunktbildung und der sektorenübergreifenden Verzahnung. "Die Bedeutung des MVZ als alte Gemeinschaftspraxis wird tendenziell abnehmen", sagte er. In einer Umfrage des BMVZ im Sommer 2008 ordneten sich 22 Prozent der teilnehmenden Zentren selbst als Schwerpunkt-MVZ ein, 57 Prozent als überwiegend fachärztlich und 21 Prozent als überwiegend hausärztlich.

Bei IV-Verträgen halten sich die MVZ für eher unattraktiv Verträge zur integrierten Versorgung spielen für die meisten Zentren bislang keine Rolle. "Mit einer Größe von vier bis fünf Zulassungen sind die MVZ in der Regel als Partner für die integrierte Versorgung unattraktiv", so Schwitalski. Die Einrichtung eines eigenen MVZ sei für die Universitätsklinik Köln ein Mittel, um mehr Planungssicherheit für die ambulante Behandlung von Patienten zu bekommen, sagte der Kaufmännische Direktor Günter Zwilling. Die Kölner Universitätsklinik verzeichne eine steigende Zahl von ambulanten Patienten, etwa in den Polikliniken, der Notfallambulanz oder durch Institutsermächtigungen. "Der Bedarf ist offensichtlich da. Aber wir behandeln immer mehr Patienten, als wir bezahlt bekommen", so Zwilling.

Bei einem ersten Anlauf, ein MVZ zu gründen und in großem Stil Praxissitze zu kaufen, hatte die Uniklinik die Niedergelassenen in der Domstadt gegen sich aufgebracht. Die heute für das Projekt Verantwortlichen setzen auf die enge Kommunikation mit den Ärzten in den Praxen, betonte Zwilling.

"Wir wollen mit unserem speziellen Wissen die ambulante Versorgung ergänzen und nicht die Konkurrenz zu den niedergelassenen Ärzten." Das Versorgungszentrum wolle keine Patienten dauerhaft an sich binden und kommuniziere das auch, sagte er.

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