Ärzte Zeitung, 12.02.2009

Dengue-Fieber und Hantaviren am Oberrhein

Klimawandel und gesundheitliche Folgen - Debatte des Umweltausschusses der Bundesärztekammer

HANNOVER (cben). Malaria am Rhein, das West-Nil-Fieber am Main, Hitzetote in Flensburg und Berlin. Eine düstere Zukunft zeichneten Referenten des Fachforums "Klimawandel und gesundheitliche Folgen" in Hannover. Auf dem von Bundesärztekammer (BÄK) und Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) veranstalteten Forum loteten Mediziner die Folgen der Erderwärmung für das zukünftige Krankheitsgeschehen in Europa und Deutschland aus.

Malaria in Mitteleuropa - das ist möglich, meint Professor Tobias Welte, Chef-Pneumologe an der MH Hannover.

Foto: CGC

"Der Klimawandel wird zahlreiche typisch tropische Krankheiten bis nach Europa führen", warnte Martina Wenker, Kammer-Präsidentin und Vorsitzende des Ausschusses "Gesundheit und Umwelt" der BÄK. Eine ganz direkte Bedrohung für die Gesundheit sind die zunehmend zu erwartenden Hitzewellen. "Im August 2003 gab es in Westeuropa bereits zwischen 35 000 und 40 000 Hitzeopfer. Am meisten gefährdet sind Menschen über 70 Jahre und chronisch Kranke", berichtet Wenker.

Bisher in Europa fast unbekannte Krankheiten halten mit der Erderwärmung Einzug. Im badischen Raststatt wurde 2007 erstmals die Tigermücke nachgewiesen, erklärte Professor Uwe Groß von der Uni-Klinik Göttingen. Das Insekt überträgt das Chikungunya- und das Dengue-Fieber, beides Erkrankungen, die bei uns zuvor nur von Reisenden aus den Tropen bekannt waren.

Im Jahr 2007 erkrankten im norditalienischen Ravenna nahezu 200 Menschen am Chikungunya-Fieber. "Auch das West-Nil-Fieber hat mit Hilfe von Zugvögeln aus Afrika seinen Weg zu uns nach Europa gefunden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis in Deutschland die ersten Fälle dieser Erkrankung nachgewiesen werden", warnte Groß. In Deutschland seien vor allem der obere Rheingraben und die Region um Düsseldorf vom Temperaturanstieg betroffen.

Nicht heiße Sommer, sondern auch wärmere Winter bergen Gesundheitsrisiken. So konnten sich etwa die Rötelmäuse sogar im Winter vermehren, wie zum Beispiel in den Jahren 2005 und 2007. Rötelmäuse sind Nagetiere, die vor allem in Buchenwäldern vorkommen. Sie verbreiten das Hantavirus, das zu Nierenversagen führen kann.

"Wir brauchen einen klimagerechten Umbau der Städte" - Niedersachsens Kammerpräsidentin Dr. Martina Wenker.

Foto: ÄK

Auch mit der Malaria müsse künftig in Mitteleuropa gerechnet werden, berichtete Professor Tobias Welte, Direktor der Pneumologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). "Auch die Ausbreitung klassischer Erreger wie Influenza und andere respiratorische Viren in der Wintersaison oder Durchfallerreger in der Sommersaison sind stark vom Klima abhängig." Die Erderwärmung führe zu einer "Veränderung der Lebensräume für Mikroorganismen", so Welte, "Infektionskrankheiten, die bisher in nördlichen Ländern nicht beobachtet werden konnten, tauchen jetzt gehäuft auch in unserer Hemisphäre auf".

Wie rasch sich die Verbreitungsgebiete von Infektionskrankheiten durch die Klimaveränderung verschieben, werde bei FSME deutlich, die im letzten Jahr an der Ostseeküste auftrat. Noch vor wenigen Jahren war die Donau die Nordgrenze.

Haut- Augen- und Immunsystem werden durch die intensivere Sonneneinstrahlung in Mitteleuropa stärker gefährdet, sagte Wolfgang Lensing, Hautarzt in Hannover. "In Zukunft muss die Mehrheit der Bevölkerung damit rechnen, mindestens einmal im Leben an Hautkrebs zu erkranken", meint der Arzt.

Lensing forderte UV-abwehrende Kleidung und den Verzicht auf die Mittagspause im Freien. Zwischen 11 und 15 Uhr sollte die Sonne gemieden werden, so der Hautarzt. Uwe Groß will die Infektionskrankheiten durch Monitoring-Programme sowie die Aufklärung von Ärzten und Patienten eindämmen.

Kammerpräsidentin Martina Wenke forderte, Hitze-, Pollen-, Ozon- und UV-Warnsysteme einzurichten, sowie den "klimagerechten Umbau der Städte". Zunächst müsse aber eine verlässliche Datenbasis geschaffen werden. Denn, so Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule: "Insgesamt gibt noch keine verlässlichen Untersuchungen zur Entwicklung von Krankheitsentitäten infolge des Klimawandels."

BÄK-Ausschuss: "Umwelt und Gesundheit"

Der Ausschuss ist nach Angaben der Bundesärztekammer einer der ältesten Ausschüsse der Kammer. Schwerpunkte der Arbeit seit 2006: Zum Beispiel zum europäischen Chemikalienrecht, das 2007 eingeführt wurde.

Der Ausschuss drängte auf größere Sorgfaltspflicht und transparente Daten. Außerdem veranstaltet der Ausschuss Foren, etwa zum Thema Trinkwasser oder Mobilfunk oder befasst sich mit dem Curriculum Umweltmedizin. Seit März 2006 ist Niedersachsens Kammerpräsidentin Martina Wenker Vorsitzende des Gremiums. (cben)

Stellungnahmen, Berichte und Links im Internet: www.baek.de/page.asp?his=1.117.1506

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