Ärzte Zeitung, 20.02.2009

Selbstmedikation - da fehlt dem Hausarzt der Überblick

Dr. Burkhard John, KV-Chef in Sachsen-Anhalt, über die Spätfolgen der Gesundheitsreform 2004.

"Eine unbefriedigende Situation": Dr. Burkhard John, Hausarzt und KV-Chef.

Foto: Schulten

Ärzte Zeitung: Hat sich für Sie als Hausarzt der qualitative Stellenwert von rezeptfreien Arzneien in der Verordnungspraxis geändert, seit diese nicht mehr von den Kassen bezahlt werden?

Dr. Burkhard John: Nein, auch weiterhin verordne ich Patienten diese Präparate, da sie im Rahmen der Symptomkontrolle oder zur Behandlung von Befindlichkeitsstörungen ihre Berechtigung haben. Die Verordnung durch mich als behandelnden Hausarzt wird von den Patienten in der Regel auch geschätzt, da diese objektiv und frei von wirtschaftlichen Interessen erfolgt.

Ärzte Zeitung: Wie häufig sind Fragen oder Beschwerden von Patienten über die fehlende Kostenübernahme für Rezeptfreie noch Thema in der Sprechstunde?

John: Diese Nachfragen haben in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Ich habe den Eindruck, dass die Patienten diese Verfahrensweise in vielen Fällen inzwischen akzeptieren. Allerdings besteht hier auch ein deutlicher Zusammenhang mit dem Preis. So sind die Nachfragen bei hochpreisigen Medikamenten, die gegebenenfalls auch dauerhaft eingenommen werden müssen, deutlich häufiger.

Ärzte Zeitung: Wie bewerten Sie es, dass Hausärzte häufig keinen Überblick mehr über die Gesamtmedikation von multimorbiden Patienten haben?

John: Das ist teilweise eine sehr unbefriedigende Situation, wenn sich Patienten auf Empfehlungen aus den Medien oder von Bekannten Medikamente kaufen ohne diese mit dem Hausarzt abzustimmen und in ein vorhandenes Medikamentenmenü einzuordnen. Es kommt immer wieder zu Hinweisen auf Interaktionen oder Nebenwirkungen, die dann schwer eingeordnet werden können. Insofern ist die konsequente Verordnung dieser Medikamente durch den Hausarzt, in Abstimmung mit dem Patienten, weiterhin sehr wichtig.

Ärzte Zeitung: Die Regierung hat im Gesundheits-ModernisierungsGesetz die Ausgrenzung der OTC seinerzeit als "sozialverträgliche" Eigenbeteiligung bezeichnet. Teilen Sie diese Ansicht?

John: Ich würde zwischen Medikamenten unterscheiden, die dauerhaft eingenommen werden müssen und solchen für die akute Behandlung bei Bagatellerkrankungen. Bei der ersten Gruppe kommt es aus meiner Sicht nicht selten zu einer finanziellen Überforderung der Patienten. Um dieses zu umgehen, neigen viele Kollegen dazu, diese durch verordnungsfähige Präparate, die in der Regel teurer sind, aber von der Krankenkasse erstattet werden, umzustellen. Bei der zweiten Gruppe halte ich die derzeit geltende Verfahrensweise für sinnvoll und auch in den meisten Fällen für sozialverträglich.

Ärzte Zeitung: Was spricht für die Empfehlung von OTC-Präparaten durch Hausärzte?

John: Diese Präparategruppe wird häufig im Rahmen der Behandlung von Patienten mit Befindlichkeitsstörungen benötigt. Der Hausarzt behandelt einen Großteil dieser Beschwerden und hat hiermit ein wirksames Instrument, welches in der Regel wenig Nebenwirkungen hat. Außerdem ist es wichtig, dass der Hausarzt, vor allem bei Dauerverordnungen, eine Überblick über das gesamte Medikamentenmenü hat. Nur so kann er die Interaktionen und Nebenwirkungen von bestimmten Kombinationen richtig beurteilen.

Die Fragen stellte Florian Staeck

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