Ärzte Zeitung, 18.02.2009

"Was Ärzte und Pfleger leisten, ist unbezahlbar"

Etwa 300 todkranke Menschen betreut das Palliativnetz Osthessen jedes Jahr. Dennoch gibt es bei den Kassen Vorbehalte, das Engagement kostendeckend zu honorieren.

Von Sabine Schiner

Aufwendige Versorgung in den letzten Monaten des Lebens wird von Kassen oft nicht bezahlt.

Foto: imago/Geisser

Der Sohn von Ernst Engel ist Ende vergangenen Jahres an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Friedlich, ohne Schmerzen, im Kreis der Familie. Das ist nicht selbstverständlich. "Über 90 Prozent der Menschen sterben in einer Klinik oder einem Pflegeheim", sagt Dr. Thomas Sitte, Facharzt für Anästhesiologie und Spezielle Schmerztherapie im Schmerz- und Palliativzentrum Fulda der "Ärzte Zeitung". Damit die Patienten auch zuhause betreut werden können, hat er das Palliativnetz Osthessen in Fulda gegründet. Sozial- und Pflegedienste, Physiotherapeuten sowie Vertreter von Kirchen, Apotheken und Sanitätshäusern arbeiten mit. Das Motto lautet: "Lebenshilfe bis zum Ende".

"Das war das beste, was uns passieren konnte"

"Es war wichtig für uns, dass unser Sohn zuhause sterben konnte", erzählt Ernst Engel. Thomas war 1999 im Alter von 27 Jahren an Krebs erkrankt. In den folgenden Jahren musste er immer wieder stationär behandelt werden. Operationen, Chemo-Therapien und Bestrahlungen wechselten sich ab. "Jede dieser Behandlungen hat den Verlauf gebremst - aufgehalten wurde die Krankheit nicht." Ende 2007 verschlechterte sich sein Zustand. Die Ärzte stellten Hirn- und Knochenmetastasen fest. "Es war offensichtlich, dass es das letzte Weihnachtsfest wird, das wir zusammen feiern werden", erinnert sich Ernst Engel. Während eines stationären Aufenthaltes im Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda kam der Kontakt mit dem Palliativnetz zustande. "Das war das Beste, was uns passieren konnte."

Patienten wie Thomas Engel haben nach Paragraf 37 b SGB V seit zwei Jahren einen Rechtsanspruch darauf, bis zum Tod zu Hause versorgt zu werden. Für die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV) sind Palliativ Care Teams vorgesehen. Zum Zentrum in Fulda gehören beispielsweise vier speziell weitergebildete Krankenschwestern sowie eine Verwaltungsangestellte. Das Problem: Die SAPV wird bis jetzt von den Kassen nicht annähernd kostendeckend honoriert. Allerdings gibt es seit kurzem Bewegung: Die Barmer hat Sitte zugesagt, auch rückwirkend Kosten zu erstatten. "Das ist für uns ein wirklicher Durchbruch", sagt Sitte. Wie sich andere Kassen verhalten werden, müsse sich zeigen, so Sitte. Er hoffe, dass die Primärkassen einlenken.

Thomas Engel fühlte sich bei den Palliativmedizinern gut aufgehoben. Er bekam eine Physiotherapie und statt der Morphinpumpe, die alle paar Tage gewechselt werden musste, nahm er ein Opiat in Tropfenform und Fentanyl-Nasenspray. "Das war leicht anzuwenden", schildert Engel. Der Verzicht auf die Pumpe bedeutete für seinen Sohn mehr Lebensqualität und Selbstbestimmtheit.

Die Betreuung kostet pro Monat bis zu 4000 Euro

Eine Palliativschwester schaute regelmäßig nach dem Schwerkranken. "Sie gab uns Tipps für die Körperpflege - es waren oft Kleinigkeiten, aber sie waren wichtig für uns", sagt Ernst Engel. "Was die Ärzte und Betreuer da leisten, das ist unbezahlbar."

"Wir müssten eigentlich zwischen 2000 bis 4000 Euro pro Palliativpatient und pro Monat von den Krankenkassen vergütet bekommen - in Wirklichkeit bekomme ich knapp 1000 Euro", sagt Sitte. Allein für das vergangene Jahr verzeichnen er und seine Kollegen ein Defizit von einer halben Million Euro. "Ehrenamtliches Engagement" nennt der Arzt das. "Ich mache das gerne." Doch seine Freizeit sei endlich. Und sein Personal arbeite auch nicht unentgeltlich. Immer wieder verhandelt er deshalb mit den Krankenkassen. Sitte versteht ihre Weigerung, Verträge zur SAPV abzuschließen, nicht. "Die Palliativversorgung eines Schwerstkranken kostet in den letzten vier bis sechs Lebenswochen nur ein Viertel der stationären Versorgung." Der Schmerzmediziner hat vor, eine Genossenschaft zu gründen. "Wir brauchen eine übergeordnete Struktur, um Verträge mit den Kassen auszuhandeln", sagt er. Ein Arzt allein könne dies nicht leisten. "Jeden Monat investiere ich in diese Bürokratie viel Zeit. Diese Zeit will ich lieber meinen Patienten zukommen lassen."

Thomas Engel ist an einem Sonntagnachmittag gestorben, im Kreis seiner Familie. Trotz des Schmerzes über den Verlust ist sein Vater dankbar: "Wir haben zusammen gelacht, geredet und geweint - bis zu seinem Tod." Dies ist eine Erfahrung, die er nicht missen möchte.

Spezialisierte ambulante Palliativversorgung

Versicherte, die an einer nicht heilbaren und weit fortgeschrittenen Erkrankung leiden und deshalb eine besonders aufwendige Versorgung durch Spezialisten brauchen, haben nach Paragraf 132 d Veinen Anspruch auf SAPV. Strittig ist derzeit die Bezahlung der Spezialisten. Der Gesetzgeber hat die Kassen beauftragt, mit den Ärzten entsprechende Versorgungsverträge zu schließen. Das haben die Kassen bislang allerdings nicht in vollem Umfang getan.

www.palliativnetz-osthessen.de, www.sapv.de

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