Ärzte Zeitung online, 19.02.2009

Frühchenboom löst Streit über die Behandlungsqualität aus

BERLIN (dpa). In Deutschland werden immer mehr Frühchen geboren. Zwar überleben Frühgeborene weit häufiger als früher. Doch mindestens jedes Zehnte ist in der Entwicklung gestört, bei den kleinsten sogar bis zu jeder dritte. Über die Behandlungsqualität und notwendige Verbesserungen hat sich nun ein Streit Kassen, Ärzten und Politikern entfacht.

Im Kampf gegen die Gefahren verlieren Dutzende Kliniken wegen mangelnder Erfahrung die Erlaubnis zur Behandlung der Frühgeborenen. Unter den verbleibenden sollen nun Ärzte und Eltern die besten im Internet finden. Der Kompromiss nach jahrelangem Streit geht Krankenkassen und Experten aber nicht weit genug. "Wir dürfen die Sicherheit der Kinder nicht dem Profit von Kliniken unterordnen", warnt der SPD-Politiker Karl Lauterbach (wir berichteten).

Mit dem Durchschnittsalter der Schwangeren steigt auch die Zahl der Frühgeburten - seit Anfang der 90er Jahre um mehr als 20 Prozent. Rund 8500 Babys im Jahr erreichen heute nur ein Geburtsgewicht bis 1500 Gramm, mit Händen und Füßen oft so winzig wie ein Zeh der Mutter. Die Lungen sind noch nicht ausgereift, das Abwehrsystem unterentwickelt - Risiken: Atempausen, Infektionen, Blutungen in Hirnhohlräumen.

Seit Jahren streiten Kassen, Ärzte und Kliniken über eine Verminderung der Risiken. Doch Experten für Qualität im Gesundheitswesen konnten die zentrale Frage mangels ausreichender Daten nicht beantworten: Wieviele Frühgeborene muss ein Krankenhaus mindestens behandeln, damit Ärzte und Hebammen genug Erfahrung sammeln können? Klar ist nur, dass die Chancen für die Kleinsten mit der Routine steigen.

Kritiker sagen, Kliniken gäben die meist planbaren Frühgeburten ungern ab, weil sie jeweils einige 10 000 bis 150 000 Euro brächten. Im Dezember rang sich der zuständige Bundesausschuss von Ärzten, Kliniken und Kassen dazu durch, dass es zumindest zwölf Fälle pro Jahr in spezialisierten Häusern sein müssen - jeden Monat einer. Bis zu 80 von einst rund 400 Kliniken fallen damit aus der Frühchenversorgung heraus. Am Donnerstag beschloss das Gremium zudem, dass die Kliniken die Sterblichkeitsrate und Komplikationshäufigkeit im Netz veröffentlichen müssen.

Doch der Streit geht weiter. Der Spitzenverband der Krankenkassen fordert im Hinblick auf weiter anstehende Verhandlungen, dass Kliniken rund drei Mal so viele Frühchen haben müssen wie jetzt. "Wir wollen bis zum 31. August eine Entscheidung haben", sagt die Vorsitzende Doris Pfeiffer. Auch Lauterbach kritisiert zu lasche Vorgaben. Mindestens 50 Frühgeburten pro Jahr sollten es mindestens pro Klinik sein. "Hier kann es um schwere Behinderungen gehen", mahnt er. Und ruft Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) zum Einspruch gegen den Kompromiss auf. Der Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, hält dagegen: Die Wissenschaft gebe keine klare Auskunft über Mindestzahlen. Und auch Verbraucherschützer sind zurückhaltend: Je stärker sich Kliniken spezialisieren - desto weiter sind auch die Wege für die Schwangeren.

Experten fordern angesichts steigender Frühchen-Zahlen aber auch weitere Verbesserungen, etwa mehr Forschung. "Wir brauchen dringend länger Nachuntersuchungen", sagt Wolfgang Göpel, der am Lübecker Universitätsklinikum seit 1. Januar einen Forschungsverbund dazu leitet. "Der Fokus verschiebt sich vom reinen Überleben hin zur Qualität des Lebens." So müsse die geistige Entwicklung der Frühgeborenen bis zum sechsten Lebensjahr geprüft werden. "Die normalen Vorsorgeuntersuchungen sind hier nicht differenziert genug." Über eine Förderung des Bundes zeigt er sich zufrieden. Und er warnt davor, Eltern zu verängstigen: Frühchen seien meist stabiler als ihr Image. "Wenn sie nach Hause kommen, geht es ihnen heute meistens gut."

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Bessere Chancen für Frühchen - Lauterbach kritisiert Beschluss

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