Ärzte Zeitung, 24.02.2009

Die Bundeswehr verliert bei Ärzten an Attraktivität

Ärzte quittieren den Dienst in der Truppe: 2008 verließen 97 Sanitätsoffiziere die Armee - so viele, wie nie zuvor. 429 Ärzte und 217 Fachärzte fehlen.

Von Rebecca Beerheide

Für die Bundeswehr arbeiten wollen immer weniger Mediziner. Lieber arbeiten sie in normalen Kliniken.

Foto: dpa

Lieber hohe Summen für die Ausbildung zurück zahlen als weiterhin im Truppen-Krankenhaus zu dienen: Für 85 Sanitätsoffiziere war 2008 die Rückzahlung von 80 000 bis zu 120000 Euro kein Hindernis, die Truppe zu verlassen. 2006 gingen "nur" zehn, 2007 acht Offiziere -  allerdings waren es in den ersten zwei Monaten dieses Jahres bereits acht. Diese Zahlen gehen aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage aus der FDP-Fraktion hervor, die der "Ärzte Zeitung" vorliegt.

Insgesamt fehlen der Bundeswehr bei den Sanitätsoffizieren im vergangenen Jahr 429 Ärzte, 2005 fehlten nur 85. Bei den Fachärzten sind es 217 Stellen, die neu besetzt werden könnten. Besonders betroffen sind Anästhesisten, Chirurgen, Internisten und Orthopäden. In der Psychiatrie gibt es 40 Stellen, von denen nur 22 besetzt sind - dabei steigt die Zahl der traumatisierten Soldaten (wir berichteten).

"Die Bundesregierung hat das Ausbluten zu verantworten", sagte die Bundestagsabgeordnete Elke Hoff, die federführend bei der Anfrage die FDP-Fraktion an die Regierung war. Es seien "nicht mehr zu leugnende Probleme" im Sanitätsdienst entstanden, die den "Attraktivitätsvorteil für den Soldatenberuf" beeinträchtigen.

Kooperation mit zivilen Stellen ist unumgänglich

Ein Problem des Sanitätsdienstes ist laut der FDP-Politikerin hausgemacht: Der Sanitätsdienst wurde bei einer Strukturreform zu einer selbstständigen Abteilung. Dadurch seien Arbeitsabläufe entstanden, die den heutigen Realitäten nicht mehr entsprechen, so Hoff. Der dramatische Ärztemangel in der Truppe wurde von Experten schon länger befürchtet: Mitte 2008 wies der Verein Forum Sanitätsoffiziere auf die Kollegen hin, die die Truppe bereits verlassen haben (wir berichteten).

Um die medizinische Versorgung im Inland sicher zustellen, müsste demnächst mit zivilen Einrichtungen kooperiert werden, so die Bundesregierung. Die Bundeswehr könne im Moment nicht sicherstellen, dass am größten Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz uneingeschränkt Patienten mit schwersten Brandverletzungen behandelt werden können. Hier sei binnen eines Jahres der Facharzt gestorben und ein weiterer wegen Krankheit nicht einsetzbar.

Für das Ministerium erklärt sich diese Entwicklung durch den Ärztemangel: Die regulären Krankenhäuser hätten sich durch bessere Tarifbedingungen und zusätzliche Vergütungen zu einem attraktiveren Arbeitgeber für Ärzte entwickelt. Außerdem -  und das sagt die Bundesregierung nicht -  verlangen zivile Einrichtungen von ihren Ärzten keine Auslandseinsätze. Von 1318 Sanitätsoffizieren, die zwischen 2005 und 2008 im Auslandseinsatz waren, arbeiteten 594 einmal und 369 drei Mal oder häufiger in Ausland.

Das Ministerium will und die Unzufriedenheit bekämpfen: Schnellere Zusagen für gebietsärztliche Weiterbildung für junge Sanitätsoffiziere, Fachärzte bekommen zusätzlich 600 Euro pro Monat, eine Arbeitsgruppe soll weitere Anreize prüfen. Ergebnisse liegen aber erst nach der Bundestagswahl vor -  ein Skandal, so Elke Hoff: "Der Minister darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen."

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