Ärzte Zeitung, 04.03.2009

Pädiater-Verbände sagen Nein zur Risiko-Datei

Risiko-Datei für gefährdete Kinder stößt bei Bundesärztekammer und Verbänden auf Vorbehalte / Kinder-Kommission für frühe Hilfen

KÖLN/MÜNSTER (ras/dpa). Bundesärztekammer und die in der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) vereinten Fachgesellschaften lehnen das Frühwarnsystem "Riskid" ab, das Ärzte aus dem Raum Duisburg in Kooperation mit der Kriminalpolizei zum Schutz vor Kindesmisshandlungen ins Leben gerufen haben.

In einem Beitrag in der "Ärzte Zeitung" hatte sich der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Theodor Windhorst, für eine solche "Risiko-Datei für misshandelte Kinder" stark gemacht (wir berichteten). In diese Informationsdatei, die nur für Ärzte zugänglich ist, sollen die beteiligten Pädiater Kinder eintragen, die Symptome von Misshandlung oder Vernachlässigung aufweisen.

Mehr Eltern als gedacht brauchen Hilfe.

In einem öffentlichen Schreiben an Windhorst stellte Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, im Namen aller großen Pädiatrieverbände klar, dass es nicht Aufgabe von Ärzten sein könne, Dateien über Familien und Kinder anzulegen, die der Misshandlung verdächtig sind. Hartmann: "Dies ist eine staatliche Aufgabe, wir sind hier nur Zuarbeiter, wenn auch sehr wichtige."

Der Entwurf des Bundeskabinetts für ein neues Kinderschutzgesetz hingegen begrüßt Hartmann, da die Schweigepflicht gelockert wird. Danach können Ärzte bei Verdacht auf Misshandlung oder Vernachlässigung künftig sofort - auch ohne Zustimmung der Eltern - das Jugendamt informieren.

Kritik übt Hartmann daran, dass die Pädiater über die Kinder- und Jugendhilfe hinaus nicht mit anderen Professionen Kontakt aufnehmen dürfen, um einen Verdacht zu entkräften oder zu erhärten. Positiv sei, dass Ärzte künftig auch nur bei einem vagen Verdacht die Kinder- und Jugendhilfe einschalten dürfen, ohne dabei Strafen fürchten zu müssen.

Unterdessen hat die Kinderkommission des Bundestags am Montag mit Kinderschutz- und Ärzteverbänden diskutiert, wie Kinder besser geschützt werden können. Konsens der Verbände war, dass Eltern mit sozialen Hilfen schon vor der Geburt unterstützt werden sollten. Die Erfahrung zeige, dass "viel mehr Eltern Hilfe brauchen als wir annehmen", betonte Verbandspräsident Hartmann. "Jede frühe Hilfe ist wirksamer und kostengünstiger als jede späte Hilfe", betonte der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers. Eltern sollten daher von Sozialpädagogen und Familienhebammen betreut werden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Gefahr im Vekehr oder alles im grünen Bereich?

Patienten, die Cannabispräparate in Dauermedikation haben, dürfen am Straßenverkehr teilnehmen. Eine wissenschaftliche Debatte über ein erhöhtes Verkehrssicherheitsrisiko wurde noch nicht geführt. mehr »

Frau hat keinen Anspruch auf Schmerzensgeld

Hat eine Frau Anspruch auf Schmerzensgeld, wenn ein Arztfehler zu Impotenz des Mannes führt? Das OLG Hamm verneint – und gibt eine Begründung. mehr »

Tausende Pfleger ergreifen die Flucht

Großbritannien gehen die Pflegekräfte aus: Zu groß ist die Unzufriedenheit mit dem System. Sie zeigt sich zunehmend auch bei Patienten. mehr »