Ärzte Zeitung, 28.04.2009

Feste Kooperationen zwischen Ärzten und Heimen könnten viel Geld und Zeit sparen

Zu wenig Kommunikation, zu viel Bürokratie, zu wenig Personal - das bemängeln Ärzte an der Versorgung von Heimpatienten. Eine Lösung wären feste Kooperationen zwischen Heimen und Ärzten.

Von Angela Mißlbeck

Ein Arzt als fester Ansprechpartner für die Heimpatienten, das ist nach den Erfahrungen in Berlin eine perfekte Lösung.

Foto: imago

Jeder dritte Arzt klagt bei der Zusammenarbeit mit Pflegeheimen über unzureichende Kommunikation, zu wenig oder zu viele unqualifizierte Ab- und Rücksprachen. Ein Viertel bemängelt, dass die Visiten nicht ausreichend vorbereitet sind und keine Pflegekraft zur Begleitung zur Verfügung steht. Jeder Fünfte ist der Meinung, dass es insgesamt zu wenig Personal, vor allem zu wenig Fachpersonal, dabei aber zu häufige Personalwechsel gibt.

Auch Probleme zwischen Haus- und Fachärzten

Das sind die zentralen Ergebnisse einer bislang unveröffentlichten Studie der KV Berlin, die der "Ärzte Zeitung" vorliegt. Die Untersuchung basiert auf einer Befragung von knapp 400 Ärzten in Berlin, die regelmäßig Heimpatienten versorgen. Die gut 220 befragten Hausärzte betreuen durchschnittlich 50 Bewohner in drei Heimen. Die rund 170 Fachärzte versorgen im Schnitt etwa 135 Patienten in vier Heimen. Dabei gibt es auch Reibereien zwischen den Kollegen. Knapp 40 Prozent der Fachärzte, aber nur ein Viertel der Hausärzte bewerten die Zusammenarbeit mit Ärzten anderer Fachrichtungen als gut oder sehr gut. Fast jeder dritte Hausarzt gibt ihr die Note mangelhaft oder ungenügend. Wieder sind es vor allem Kommunikation, Kooperation und Absprachen, bei denen es hapert. Bei aller Kritik fällt das Gesamturteil der Ärzte über die Heime nicht vollständig negativ aus. Die Grundpflege in den Heimen bewerten 55 Prozent der Fachärzte und fast 70 Prozent der Hausärzte als gut oder sehr gut. Ein noch besseres Urteil fällen sie über die Behandlungspflege.

Bleibt ein großer Haken: Der Verwaltungsaufwand. Fast neun von zehn Ärzten empfinden ihn als hoch oder sehr hoch. Als belastend wird der Umfrage zufolge zudem vor allem das Ausstellen von Verordnungen und Überweisungen und die Mehrfachdokumentation empfunden. Die Visite muss mindestens in der Pflegeheimakte, in der Handakte und in der Arztpraxis dokumentiert werden. "Nach einem Heimbesuch sitzt der Arzt mindestens eine Stunde am Computer", sagt die Berliner KV-Chefin Dr. Angelika Prehn. Viele andere Probleme in der Kooperation von Ärzten und Heimen sind nach Prehns Auffassung aber einfach zu beheben: durch feste Kooperationen zwischen Heimen und Ärzten. Diese Kooperationen haben sich im sogenannten Berliner Modell der AOK und IKK bewährt (wir berichteten). Hausärzte stehen rund um die Uhr für die Heime zur Verfügung und nehmen einmal pro Woche eine Regelvisite vor. So werden unnötige Notarztanforderungen, Klinikeinweisungen und unkoordinierte Facharztkontakte vermieden. Das spart Geld und verbessert die Versorgung.

AOK spart nach eigenen Angaben Millionen

Geht es nach Prehn, wird das Modell auf alle Kassen und Pflegeheime in Berlin ausgedehnt. Doch die Kassen zeigten keinerlei Bereitschaft zu einer gesamtvertraglichen Lösung. Das ist der KV-Chefin unverständlich, denn die AOK verzeichnet durch das Modell nach eigenen Angaben Einsparungen in Millionenhöhe.

Bis zur Honorarreform wurden Haus- und damit auch Heimbesuche immerhin noch extrabudgetär gefördert. Jetzt sind sie im Regelleistungsvolumen inbegriffen. Rund 35 Euro beträgt es für Hausärzte in Berlin pro Quartal. Dass das nicht für eine wöchentliche Heimvisite, geschweige denn für eine 24-Stunden-Bereitschaft reicht, liegt auf der Hand.

KV würde Berliner Modell gerne ausweiten.

Im Berliner Modell zwischen AOK, IKK und KV erhalten Hausärzte 2,24 Euro pro Patient und Belegtag. Das sind maximal 240 Euro im Quartal. Der Vertrag mit der KV läuft jedoch im März 2010 aus. Die AOK dehnt das Projekt inzwischen auf weitere Heime aus, allerdings bei deutlich geringerem Honorar. Als Integrationsversorgung mit einzelnen Arztgruppen. Die Ersatzkassen machen gar nicht mit. Den Modellvertragspartnern ist klar, warum: Ihre Versicherten in den Modell-Heimen profitieren ohnehin von den Regelvisiten bei AOK- und IKK-Patienten.

Fazit: "Mein Ziel ist, dass über alle Heime eine gleichmäßige Versorgung mit Hausärzten gestaltet wird, die Fachärzte dazu holen", sagt Prehn, Pflegeheime hätten einen festen Ansprechpartner, die Medikation wäre koordiniert und wirtschaftlich, Fachärzte müssten seltener wegen eines einzigen Patienten ins Heim geholt werden und sie kämen schneller, wenn sie von den Kollegen angefordert werden. Schöne neue Welt für deutlich weniger Geld? Das erscheint in der Tat wünschenswert, und woran es scheitert, ist nicht zu verstehen.

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