Ärzte Zeitung online, 30.04.2009

Ist das Durchschneiden der Magensonde "aktives Tun"?

Landgericht in Fulda spricht im "Sterbehilfeprozess" das Urteil / Verteidigung: Tochter wollte Willen der Mutter durchsetzen

FULDA (mwo). War es Selbsthilfe oder Selbstjustiz? Das Landgericht in Fulda will am heutigen Donnerstag im so genannten "Sterbehilfeprozess" entscheiden.

Die angeklagte Verwaltungsangestellte hatte auf Anraten ihres ebenfalls mitangeklagten Anwalts den Infusionsschlauch ihrer Mutter durchschnitten. Noch im Pflegeheim wurde die Tochter verhaftet.

Bei einem Spaziergang hatte die alte Frau ihrer Tochter anvertraut, dass, sollte sie einmal völlig hilflos sein, sie nicht künstlich am Leben erhalten werden wolle. Nach einer Hirnblutung lag sie dann viereinhalb Jahre im Koma. Ein gebrochener Arm wurde ihr nicht mehr operiert, sondern amputiert - sie brauche ihn ja nicht mehr. "Sie war in einem elenden Zustand", sagt Rechtsanwalt Wolfgang Putz aus München, einer der bekanntesten Patientenrecht-Anwälte in Deutschland.

Das Heim zog sein Einverständnis zurück.

Nach jahrelangem Streit mit dem Heim sollte die Frau schließlich sterben dürfen. Auch ihr Arzt hielt eine künstliche Ernährung nicht mehr für medizinisch indiziert. Die Nahrungszufuhr war bereits abgestellt, als das Heim einen Rückzieher machte. Die verzweifelte Tochter rief ihren Anwalt an, der dann den Rat gab, den Schlauch der Magensonde direkt oberhalb der Bauchdecke durchzuschneiden. In einem Krankenhaus wurde noch eine neue Sonde gelegt; die Mutter starb eine Woche später aus ungeklärter Ursache.

Das war versuchter Totschlag, meint Staatsanwältin Christine Seban. Die Sonde durchzuschneiden, das sei nicht mehr "sterben lassen", wie es der Bundesgerichtshof erlaubt habe, sondern ein "aktives Tun". Für Putz beantragte sie eine Haftstrafe von zweieinhalb Jahren, für die Tochter in "minderschwerem Fall" eine Bewährungsstrafe von 15 Monaten.

Die Verteidigung plädierte auf Freispruch. Die Tochter habe nur den Anspruch ihrer Mutter auf würdevolles Sterben durchsetzen wollen, sagte der Karlsruher Rechtsanwalt Professor Gunter Widmaier. Der Wille der Frau sei eindeutig gewesen, Arzt und Tochter hätten zugestimmt. Es habe keine andere Möglichkeit gegeben, die Wiederaufnahme der künstlichen Ernährung - rechtlich eine drohende Körperverletzung -  abzuwenden.

[30.04.2009, 15:24:02]
Prof. Dr. Uwe Körner 
Über Magensonden und ahnungslose Juristen

"Ist das Durchschneiden der Magensonde aktives Tun?" – Ja und nein. Selbstverständlich ist das Durchschneiden eines Schlauches aktives Tun – hinsichtlich des Schlauches. Hinsichtlich der Frau, bei der er als Magensonde diente, und ihres Überlebens bzw. Sterbens bedeutete das Durchschneiden zweifellos ein Nichtfortsetzen der künstlichen Ernährung mit der Intention des Sterbenlassens. Von der das Dasein der Frau verlängernden lebenserhaltenden Aktivität erfolgte damit der Übergang zur Passivität hinsichtlich der Lebenserhaltung.
Jedenfalls kann man einen Menschen, der wegen eines terminalen Funktionsausfalls ohne den intensivmedizinischen technischen Funktionsersatz längst gestorben wäre, durch das wegen persönlichen Verlangens oder Aussichtslosigkeit erfolgende Zurücknehmen/Abbrechen der versuchten Therapie nicht töten, sondern nur sterben lassen. (Näheres zur Ernährung mittels PEG-Sonde unter intensivmedizinischem und ethischem Aspekt siehe U. Körner in Junginger, Perneczky, Vahl, Werner (Hrsg.) Grenzsituationen in der Intensivmedizin. Entscheidungsgrundlagen. Springer Heidelberg 2008).

Andererseits weist der Halbsatz im Ärztezeitungsbeitrag "In einem Krankenhaus wurde noch eine neue Sonde gelegt;" darauf hin, dass sich hier bei genauerem Hinsehen eine strafbare Körperverletzung zeigen könnte. Und die Frau "starb eine Woche später aus ungeklärter Ursache". Warum ungeklärt? Sie könnte durchaus (die etwas drastische Formulierung sei bitte entschuldigt) durch ein relatives Zuviel an Nahrung und Flüssigkeit umgebracht worden sein…

Wie auch andere Fälle schon zeigten, scheint es mit dem Kenntnisstand der sich im medizinischen Sachgebiet betätigenden Juristen, und wohl entsprechend auch mit der von der Rechtswissenschaft zu leistenden beruflichen Fortbildung, gelegentlich nicht zum Besten bestellt zu sein.
Da auch allgemein im politischen Raum zu der Thematik sachliche Klarheit nicht vorherrscht, eher manche Verwirrung und ideologische Grabenkämpfe, kann schon auffallen, wie Papst Pius XII. in den ersten Anfängen der Intensivmedizin mit klarer Sicht sachlich hilfreiche Handlungsrichtlinien für die Anästhesiologen formulierte. Auf deren dringliche Anfragen antwortete Pius XII. im Jahre 1957 mehrmals und vermittelte insbesondere Klarheit darüber, dass beim Abbrechen einer versuchten Wiederbelebung oder beim Verzicht auf die künstliche Beatmung "keinerlei direkte Verfügung über das Leben des Patienten noch auch Euthanasie vor(liegt), die niemals erlaubt wäre" (B. Haid 1958 , Anästhesist 7:244).

Uwe Körner, Berlin

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