Ärzte Zeitung online, 11.06.2009

Behandlungsfehler: Nicht mal jeder dritte Verdacht wird bestätigt

BERLIN (ami). Weniger als jeder dritte Behandlungsfehlerverdacht bei den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern hat sich im vergangenen Jahr bestätigt. Von 7133 Anträgen 2008 haben die Einrichtungen 1695 mit einem Behandlungsfehler beschieden.

Behandlungsfehler: Nicht mal jeder dritte Verdacht wird bestätigt

Klinik-Behandlungen bei Coxarthrose und Frakturen zählen zu den häufigsten Streitfällen.

Foto: Bilderbox

Am häufigsten wurden Fehler bei der stationären Behandlung der Hüftgelenksarthrose vermutet und bestätigt. Das ist nach Angaben der Orthopädin Dr. Renée Fuhrmann nicht zuletzt der Häufigkeit des Eingriffs geschuldet. Rund 150 000 künstliche Hüften wurden laut Fuhrmann 2008 implantiert. Von 234 vermuteten Fehlern, die den Schlichtern vorgetragen wurden, bestätigten sich 64. "Es gibt unvermeidbare Auswirkungen der Operation, die auch beim sorgfältigsten Vorgehen des Arztes auftreten können", erläuterte Fuhrmann diese Differenz.

Bei den festgestellten Fehlern bei der Behandlung bei Coxarthrose handelt es sich nach Angaben des Geschäftsführers der Gutachter- und Schlichterstellen, Johann Neu, meist um handwerkliche Fehler. Verwechslungen, die in den Medien stets Aufsehen verursachen, spielen demnach kaum eine Rolle.

Weitere Diagnosen, bei denen im Krankenhaus häufig Fehler festgestellt wurden, waren die Unterschenkel- und Sprunggelenksfraktur (52 Fehler), Unterarmfraktur (51) und die Kniegelenksarthrose (46). Diese Diagnosen führen auch die Liste der vermuteten Fehler an. Neu geht davon aus, dass Fehler umso eher vermutet werden, je stärker die Beeinträchtigung durch die Erkrankung nach dem Eingriff ist.

Im ambulanten Bereich haben die Gutachter- und Schlichtungsstellen die meisten Fehler bei der Behandlung von Brustkrebs festgestellt (38). Die Rückenschmerzbehandlung folgt an Platz zwei mit 21 Fehlern. Erstaunlich häufig wurden Fehler bei niedergelassenen Ärzten im Zusammenhang mit der Blinddarmentzündung festgestellt. "Die Ärzte denken bei Bauchschmerzen oft nicht daran, dass es der Blinddarm sein könnte", sagt Neu.

Die Daten der Schlichtungsstellen umfassen nach Angaben der Bundesärztekammer etwa ein Viertel aller offiziell erfassten Behandlungsfehlervorwürfe. Die restlichen 75 Prozent gehen bei Krankenkassen, Gerichten oder direkt bei den Haftpflichtversicherern ein. Die Schlichterstellen sammeln ihre Daten im Medical Error Reporting System (MERS) anonym und stellen sie den ärztlichen Gremien zur Fortbildung und Qualitätssicherung zur Verfügung.

"Damit leisten sie einen elementar wichtigen Beitrag zur Patientensicherheit und bieten die Grundlage für eine Fehlervermeidungskultur im deutschen Gesundheitswesen", so der mecklenburgische Ärztekammerpräsident Dr. Andreas Crusius, der bei der Bundesärztekammer für die Gutachter- und Schlichtungsstellen zuständig ist. Das System der kostenlosen Begutachtung und außergerichtlichen Einigung schilderte er als europaweit beispielhaft. In Italien und Frankreich würden nun ähnliche Systeme aufgebaut.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »