Ärzte Zeitung, 10.08.2009

"Ärzte werden ab 2015 in Hessen knapp"

Ist die medizinische Versorgung in Hessen gefährdet? Aus Sicht der KV wird der Ärztemangel bald Realität sein. Und nach Meinung der Kammer wird die Freiberuflichkeit des Arztes immer mehr durch Marktdenken bedroht.

Von Monika Peichl

"Ärzte werden ab 2015 in Hessen knapp"

Ärzte jeder Fachrichtung und jeder Altersgruppe: Nicht nur in Hessen wird es das in einigen Jahren nicht mehr geben.

Foto: carlosseller@www.fotolia.de

Auf einer Veranstaltung der Frankfurter Medizinischen Gesellschaft nahmen Vertreter der ärztlichen Selbstverwaltung und des Wissenschaftsministeriums aus ihrer jeweiligen Perspektive Stellung zur Zukunft der medizinischen Versorgung im Land. Nach den Worten von KV-Vorstandsreferent Dr. Harald Herholz muss sich das Land, wie andere Flächenländer auch, auf Probleme in der haus- und fachärztlichen Versorgung einstellen, und zwar ganz besonders intensiv ab 2015. Im Planungsbezirk Groß-Gerau werde die Situation für die hausärztliche Versorgung bereits ab 2012 "dramatisch".

In den vergangenen 20 Jahren sei die Sicherstellung für die KV ein einfaches Geschäft gewesen, doch wegen der Altersstruktur der niedergelassenen Ärzte "kommen wir schneller als gedacht in Zustände wie in den 50er Jahren". Damals bemühte sich die Selbstverwaltung, den Mangel zum Beispiel durch den Bau von Ärztehäusern in strukturschwachen Gebieten zu beheben. Heute jagten die Bundesländer einander die Ärzte ab, berichtete Herholz. Dazu kämen noch die Anwerbeversuche anderer europäischer Länder, etwa Dänemark oder Schweden, die die Ärzte unter anderem mit garantierten Mindesteinkommen locken.

Weg vom Sozialrecht hin zum Marktrecht?

Der Präsident der hessischen Landesärztekammer, Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, sieht die ärztliche Versorgung nicht nur wegen des sich abzeichnenden Nachwuchsmangels gefährdet. Er kritisierte, dass sich die Diskussion über das Gesundheitswesen immer weiter "vom Sozialrecht zum Marktrecht" bewege. Defizitäre Krankenhäuser würden an Klinikketten verkauft und "niedergelassene Ärzte durch Medizinische Versorgungszentren ersetzt", die am Ende auch den Klinikkonzernen gehörten. Die ärztlichen Standestraditionen, so seine Sorge, würden dem reinen Streben nach Ertrag geopfert.

Diese Entwicklung werde vorangetrieben durch "hochpotente Lobbyisten", die großen Einfluss auf die Regierung hätten. "Auch aus volkswirtschaftlicher Betrachtung heraus" dürften die Ärzte das Gesundheitswesen aber nicht dem Markt überlassen. Die Kommerzialisierung werde zur Folge haben, dass die Unternehmen sich die lohnenden Krankheiten oder die lohnende Arzneiforschung herauspickten. Dem müsse die Kompetenzerhaltung der ärztlichen Profession entgegengesetzt werden.

Kliniken als Organisationen des Gemeinwohls

Krankenhäuser sollten nach seinen Worten "no profit und no loss" sein, es gelte, sie als Prototypen von Organisationen des Gemeinwohls zu bewahren. Die Kammer sehe ihre Aufgabe mehr denn je darin, die ärztliche Freiberuflichkeit zu stärken und der Kommerzialisierung der Medizin entgegenzuwirken. Für die Ärzte in der ambulanten Versorgung müsse es darum gehen, durch eine angemessene Honorarentwicklung "den Ausstieg aus dem Hamsterrad" zu erreichen.

Laut Gerd Krämer, Staatssekretär im Wissenschaftsministerium, kann sich Hessen als Gesundheitsstandort im Vergleich zu anderen Ländern sehen lassen. Das Gesundheitswesen sei einer der stabilsten Wirtschaftssektoren und sollte "gelegentlich selbstbewusster und geschlossener" gegenüber der Politik auftreten.

Die Hochschulmedizin des Landes befindet sich nach seinen Worten auf einem guten Weg. Die fusionierten und privatisierten Unikliniken in Gießen und Marburg würden in Forschung und Lehre durch das Landesprogramm Heureka weiter gefördert. Das Uniklinikum Frankfurt werde unter anderem vom Hochschul-Sonderinvestitionsprogramm des Landes und vom Konjunkturpaket des Bundes profitieren.

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