Ärzte Zeitung, 03.12.2009

Aufbauhilfe, die Nierenkranken Leben rettet

Nephrologen an Deutschlands zweitgrößtem Nierentransplantations-Zentrum in Hann.Münden exportieren ihr Know-how ins russische St. Petersburg. Die medizinische Aufbauhilfe ist sehr erfolgreich und wurde ausgezeichnet.

Von Heidi Niemann

Aufbauhilfe, die Nierenkranken Leben rettet

Haben seit 2002 in St. Petersburg Aufbauarbeit geleistet: Professor Volker Kliem (li.) und Dr. Alexander Nabokov.

Foto: pid

HANN.MÜNDEN. 120 Patienten bekommen jährlich im Nephrologischen Zentrum Niedersachsen (NZN) in Hann.Münden (Kreis Göttingen) eine neue Niere. Damit ist die Klinik nach der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) das größte Nierentransplantationszentrum in Norddeutschland.

Inzwischen profitieren auch Patienten in Russland von dem Know-how der international renommierten Klinik in Südniedersachsen: Spezialisten des NZN haben für die Medizinische Fakultät der Staatlichen Pavlov-Universität in St. Petersburg ein Nierentransplantations-Programm erarbeitet. Der Wissenstransfer machte es möglich, dass dort mittlerweile 23 Transplantationen vorgenommen werden konnten.

Jetzt wurde das Engagement mit einer hohen Auszeichnung belohnt: Als eine von weltweit nur fünf Klinik-Partnerschaften wurde die Kooperation in das höchste Förderprogramm der International Society of Nephrology (ISN) aufgenommen. "Damit spielen wir in der Weltliga mit", sagt der Leiter des Mündener Transplantationszentrums, Professor Volker Kliem. Die Aufnahme in die höchste Stufe des Förderprogramms bedeutet, dass die Kooperation jährlich mit 16 000 US-Dollar unterstützt wird.

Das medizinische Joint Venture ist nicht das erste Engagement der Mündener Klinik in Russland. Bereits 1984 sorgten die südniedersächsischen Spezialisten international für Aufsehen, als der damalige sowjetische Staats- und Parteichef Jurij Andropow eine künstliche Niere aus Hann.Münden erhielt.

Ausstattung und fachliches Wissen fehlten

Den Anstoß zu der jetzigen Kooperation mit der Uni-Klinik in St. Petersburg gab Dr. Alexander Nabokov, der seit zehn Jahren als Oberarzt für Innere Medizin und Nephrologie am NZN in Hann.Münden tätig ist. Der 46-Jährige stammt aus St. Petersburg, hat an der Pavlov-Universität studiert und einige Jahre als Arzt gearbeitet. "Ich bin dort ausgebildet worden und möchte etwas zurückgeben", meint der Mediziner.

Die Nephrologische Abteilung der Universität sei eine der größten in Russland. Bis vor kurzem fehlte es jedoch an der Ausstattung und dem nötigen fachlichen Wissen, um dort auch Transplantationen vornehmen zu können.

Der leitende NZN-Arzt Volker Kliem unterstützte die Idee. Seit 2002 reisten die beiden Mediziner immer wieder nach St. Petersburg, um gemeinsam mit den russischen Kollegen eine Transplantationsstation nach internationalen Standards aufzubauen und die dortigen Mediziner entsprechend auszubilden.

Außer dem kontinuierlichen Austausch veranstalteten sie auch Symposien, an denen jeweils mehrere hundert Teilnehmer aus dem ganzen Land teilnahmen. "Ziel unseres Engagements ist es, die Pavlov-Universität zu stärken und die Nephrologie zu einem Referenzzentrum zu machen, dass dann andere nephrologische Kliniken im Nordwesten Russlands unterstützt", meint Kliem. Für ihn hat das Engagement in St. Petersburg auch eine moralisch-politische Komponente: Über eine Million Einwohner kamen dort im Zweiten Weltkrieg als Folge der über zwei Jahre dauernden Blockade der Stadt durch die deutsche Wehrmacht ums Leben. "Das muss man immer mit bedenken", meint Kliem.

Russische Ärzte nehmen die Op inzwischen selbst vor

Dank der Mündener Aufbauhilfe konnte vor zwei Jahren die erste Lebendnieren-Transplantation in der Pavlov-Klinik vorgenommen werden. Die Operation führte damals der Leiter der Urologie im NZN, Dr. Jens Küster, aus. Dutzende russische Ärzte sahen ihm dabei über die Schulter. Im Folgejahr gab es bereits zehn Transplantationen, in diesem Jahr werden es voraussichtlich 20 sein. Inzwischen nehmen die russischen Ärzte selbst die Operationen vor.

Die Mündener Experten stehen ihnen jedoch insbesondere bei der Nachsorge weiter mit Rat und Tat zur Seite, wenn es darum geht, Immunreaktionen des Körpers gegen das Transplantat zu unterdrücken. "Anfangs haben wir noch jede einzelne Tablette besprochen", meint Oberarzt Nabokov. "Inzwischen rufen die Kollegen nur noch an, wenn Probleme auftauchen." Eine weitere Ehrung erhielt Professor Kliem: Er bekam jetzt für sein langjähriges Engagement die Ehrendoktorwürde der Pavlov-Universität verliehen.

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