Ärzte Zeitung online, 24.08.2009

"Wir wollen ein Erfolgsmodell gegen den Hausarztmangel schaffen"

Das baden-württembergische Nachwuchsprogramm "Verbundweiterbildung Allgemeinmedizin" für angehende Hausärzte erfreut sich bereits wenige Monate nach Projektstart großer Beliebtheit.

Von Marion Lisson

HEIDELBERG. Bislang konnten sich 22 junge Ärzte mit dem Berufsziel Allgemeinmedizin beim Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin der Universitätsklinik Heidelberg einschreiben. Anfang 2010 sollen weitere 20 bis 25 Assistenzärzte auf dem Weg zu ihrem Facharzt Allgemeinmedizin begleitet werden.

Das Kompetenzzentrum übernimmt die Jobsuche

Teilnehmer des Nachwuchsprojektes haben gleich zwei Vorteile: Erstens müssen sie sich während ihrer fünfjährigen Weiterbildungszeit nicht selbst in ihrer gewünschten Region um die vorgeschriebenen Weiterbildungsstellen in Klinik und Praxis kümmern. Diese Jobsuche übernimmt das Kompetenzzentrum für sie. Verbünde mit Kliniken und Praxen machen es möglich.

Und zum zweiten können die jungen Mediziner, die aufgrund ihrer Weiterbildung monatelang in Abteilungen mit Kardiologen oder Chirurgen zusammenarbeiten, den ständigen Kontakt mit Gleichgesinnten ihrer eigenen Facharztrichtung Allgemeinmedizin aufrecht halten. "Wir haben für unsere Weiterbildungsärzte so eine Art Chatroom eingerichtet", berichtet Dr. Stefanie Joos, Oberärztin der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Heidelberg und wissenschaftliche Leiterin des Kompetenzzentrums Allgemeinmedizin. In dem Internetforum hätten die angehenden Hausärzte die Chance, sich auszutauschen. Sie würden hier aber auch mit medizinisch fachlichen Informationen versorgt.

"Wir wollen ein Erfolgsmodell gegen den Hausarztmangel schaffen", kündigte Professor Dr. Joachim Szecsenyi, Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Heidelberg, an. Die Perspektive der hausärztlichen Versorgung in Baden-Württemberg gebe seit Jahren prinzipiell Anlass zur Sorge. Die Gründe dafür seien vielfältig. Die allgemeinmedizinische Weiterbildung sei schlecht strukturiert und bezahlt. Außerdem würden junge Ärzte nicht ausreichend auf eine selbständige Praxistätigkeit vorbereitet werden, und es fehle die akademische Anbindung an die Fakultäten, die dem Medizinernachwuchs den Weg in die Allgemeinmedizin ebne. Dies soll sich nun ändern.

Es gibt bereits 12 regionale Weiterbildungsverbünde

Seit Januar läuft das landesweit konzipierte und damit bundesweit einmalige Projekt der Verbünde. Es wird vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst unterstützt. Bereits 12 regionale Weiterbildungsverbünde, bestehend aus Kliniken, Praxen und dem Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin, sind etabliert. So zum Beispiel wurde der Weiterbildungsverbund Mittelbaden geschaffen, bei dem unter anderem das Kreiskrankenhaus Rastatt, das Rheumazentrum Baden-Baden, die Chirurgie und Pädiatrie der Stadtklinik Baden-Baden und die Allgemeinmedizinerpraxis von Professor Dr. Hans-Dieter Klimm aus Kuppenheim beteiligt sind. Assistenzärzte, die sich für Mittelbaden einschreiben, durchlaufen hier ihre Weiterbildung.

Man sei noch immer auf der Suche nach weiteren qualifizierten Bündnispartnern, kündigte Joos an. Ziel sei es, landesweit ein dichtes Netz an Verbünden von Klinikern und Praxischefs auf die Beine zu stellen. "Derzeit sprechen wir mit Kliniken am Bodensee", berichtet sie.

Die Allgemeinmedizinerin informiert weiter, dass das Zentrum in den kommenden Wochen verstärkt unter den niedergelassenen Ärzten noch die Werbetrommel für das Projekt rühren werde. Erfreulich sei in diesem Zusammenhang, dass derzeit zwischen KBV, DKG, GKV-Spitzenverband und dem PKV-Verband darüber verhandelt werde, die monatlichen Förderungsbeträge für niedergelassene Allgemeinmediziner aufzustocken, wenn diese einen Weiterbildungsassistenten engagierten. "Der derzeitige Zuschuss für die niedergelassenen Ärzte von rund 2000 Euro - 1000 Euro von der KV und 1000 Euro von den Kassen - reicht hier sicherlich nicht aus", so Joos.

Qualifizierte Weiterbildungsstellen für die künftigen Hausärzte zu organisieren und diesen zudem "ein organisiertes Weiterbildungsprogramm mit hohem Qualitätsanspruch" durch die Lehrenden des Kompetenzzentrums zukommen zu lassen - all dies sei Ziel des neuen Projektes, fasst Szecsenyi zusammen. In der Tat müssen die Weiterbildungsassistenten von den teilnehmenden Kliniken und Praxischefs pro Jahr mit zehn Fortbildungstagen freigestellt werden. Vier Tage sind für Kongresse eingeplant, sechs Tage werden die Mediziner im Kompetenzzentrum Allgemeinmedizin unterrichtet. Neben medizinischen Themen geht es um Fragen der Praxisführung, um betriebswirtschaftliche Probleme aber auch um Tipps für das Gespräch mit Patienten. "Ärzte werden gezielt als selbständige Unternehmer ausgebildet", so Joos.

Dieser "baden-württembergische Weg" könnte als Modell für andere Bundesländer dienen, in denen der Hausarztmangel bereits beängstigende Dimensionen angenommen habe, ist Szecsenyi überzeugt.

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