Ärzte Zeitung online, 25.08.2009

Gesundheitsexperte Beske warnt vor dramatischem GKV-Kostenanstieg

BERLIN (ble). Der Gesundheitsexperte Professor Fritz Beske hat die künftige Bundesregierung zu einer nachhaltigen Reform der gesetzlichen Krankenversicherung aufgefordert.

Gesundheitsexperte Beske warnt vor dramatischem GKV-Kostenanstieg

Foto: Dark Vectorangel ©www.fotolia.de

Angesichts der demografischen Entwicklung und des medizinischen Fortschritts müssten schon heute die Weichen für die Versorgung ab 2020 gestellt werden, sagte Beske bei der Vorstellung einer Prognose über die Morbidität der Bevölkerung im Jahr 2050. Hintergrund: Ab 2020 gehen die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegsjahre in Rente.

Für seine Prognose hatte das von Beske gegründete Kieler Institut für Gesundheits-System-Forschung (IGSF) eine Hochrechnung der Entwicklung von 22 ausgewählten Krankheiten vorgenommen - mit teils dramatischen Anstiegen der Krankheitslast für das Sozialsystem. Danach rechnet Beske trotz einer um rund 13,4 Millionen zurückgehenden Bevölkerungszahl etwa damit, dass die absolute Zahl der Neuerkrankungen an Herzinfarkt im Vergleich zu 2007 um 75 Prozent auf 548 000 zunehmen wird.

Beim Schlaganfall erwartet er eine Steigerung um 62 Prozent auf 301 000 Neuerkrankungen. Laut Prognose muss über alle Krebsarten zudem 2050 mit knapp 600 000 Neuerkrankungen gerechnet werden, ein Plus von 27 Prozent gegenüber 2007.

Die Zahl der erwarteten Demenzkranken gibt das IGSF mit 2,2 Millionen an (+104 Prozent); ambulant erworbene Lungenentzündungen könnten um 149 Prozent auf dann 2,9 Millionen Fälle zunehmen. Einen Zuwachs von 125 Prozent auf 1,6 Millionen Erkrankungen erwarten Beske und Co. bei der Altersbedingten Makuladegeneration.

Noch eindringlicher stellen sich die relativen Zahlen dar: Danach legen laut Studie bezogen auf 100 000 Bundesbürger fünf der 22 ausgewählten Krankheiten bis 2050 um mehr als 100 Prozent zu: Lungenentzündung (198), Makuladegeneration (169), Demenz (144), Oberschenkelhalsfraktur (125) und Herzinfarkt (109). Knapp an hundert Prozent reicht die Entwicklung bei Schlaganfall (94), alle Krebsarten zusammen dürften um 52 Prozent zunehmen, so der Experte.

Hypertonie ist Volkskrankheit Nummer 1

Volkskrankheit Nummer eins dürfte 2050 dabei die Hypertonie sein. 51,6 Prozent der dann noch knapp 69 Millionen Bundesbürger soll dann von ihr betroffen sein. 2007 waren es laut IGSF 42,3 Prozent. Auf den Plätzen folgen Arthrose (2050: 21,6) und Rückenschmerzen (17,6).

Eine Prognose zu den entlastenden Wirkungen von Prävention und neuen Therapien sei nicht möglich, so Beske. Er erwartet im Gegenteil steigende Kosten durch neue medizinische Möglichkeiten, zumal diese, wie von allen Parteien versprochen, allen Bürgern zugutekommen sollen. Beske forderte die künftige Regierung dazu auf, den Deutschen über die Probleme der Gesundheitsversorgung "reinen Wein einzuschenken" und nach Wegen zu suchen, der Entwicklung Herr zu werden.

Grundlage für die Prognose bildet die vom IGSF erwartete Bevölkerungsentwicklung für 2050: Danach soll die Altersgruppe der über 80-Jährigen von 3,9 Millionen (Jahr 2007) auf dann zehn Millionen ansteigen, ein Plus von 156 Prozent. Die Zahl der über 65-Jährigen soll demnach um 38 Prozent auf 22,8 Millionen steigen. Von 68,8 Millionen Bundesbürgern des Jahres 2050 sollen hingegen nur noch 10,4 (2007: 15,9) unter 20 Jahre sein, 35,5 Millionen (2007: 49,8) im Alter von 20 bis 64 Jahren.

KBV sieht Bestätigung ihres Kurses

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sieht die Prognose Beskes als Bestätigung ihres Kurses, die ambulante Vergütung künftig an die Morbiditätsentwicklung zu koppeln. Diese verdeutliche, "dass die jüngste Reform des vertragsärztlichen Vergütungssystems den richtigen Weg eingeschlagen hat. 2050 scheint noch weit, aber wir müssen jetzt gegensteuern", kommentierte KBV-Chef Dr. Andreas Köhler die Studie. Politik und Kassen müssten die für den steigenden Bedarf notwendigen Mittel zur Verfügung stellten.

Hoffnung auf neue Therapieoptionen macht der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA). Viele Unternehmen arbeiteten an Präparaten gegen Alzheimer, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die ab 2020 zu einer besseren Behandlung von Patienten führen sollen, so VFA-Hauptgeschäftsführerin Cornelia Yzer. Bis 2013 könnten die Pharmahersteller bis zu 14 neue Medikamente gegen Diabetes Typ 2 herausbringen, sechs gegen Alzheimer und neun gegen Schlaganfall.

Die Prognose im Internet: www.igsf.de

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