Ärzte Zeitung, 22.09.2009

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"Der Straßenwahlkampf ist entscheidend"

Mit einem "evidenzbasierten Wahlkampf" will SPD- Gesundheitsexperte Professor Karl Lauterbach seinen Wahlkreis in Köln-Mülheim und Leverkusen wieder gewinnen. Doch seine "Obama-Strategie" wirkt oft nicht.

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Seltener Gast: Karl Lauterbach vor seiner Wahlkampfhütte in Köln.

Foto: Krüger

Von Anja Krüger

KÖLN. Die Ärztin Dr. Eva Jakubcova steht nun schon eine halbe Stunde neben dem von der SPD angemieteten Holzhäuschen auf dem Wiener Platz in Köln-Mülheim und wartet. Sie will mit dem Kandidaten des Wahlkreises sprechen, der sich hier für zwölf Uhr angekündigt hat. Doch Professor Karl Lauterbach verspätet sich. "Er gibt dem WDR und dem British Medical Journal Interviews", erklärt sein Assistent Olaf Rotthaus.

Die Ärztin ist im Ruhestand, sie geht an Krücken. "Ich werde weder Herrn Lauterbach noch die SPD wählen", sagt sie. "Sie setzen sich nicht konsequent genug für die Patienten ein." Mediziner Lauterbach sitzt für die SPD seit 2005 im Bundestag. Der Gesundheitsökonom hat als Seiteneinsteiger seinen Wahlkreis auf Anhieb gewonnen. Vor vier Jahren hat er mit der Bürgerversicherung auf seinen Plakaten geworben.

Diesmal ist sein Gesicht die einzige politische Botschaft. 2005 holte Lauterbach Ulla Schmidt und andere Prominente in den Wahlkreis, jetzt macht er kaum Veranstaltungen. "Wir orientieren uns an der Obama-Strategie", sagt der Assistent.

Im Gegensatz zum amerikanischen Präsidenten vernachlässigt Lauterbach aber modernen Kommunikationsmittel: Seine Homepage wirkt nicht gepflegt, er nutzt das Internet nicht. Man wolle die Wähler direkt ansprechen, sagt der Assistent. Der Kandidat mache Hausbesuche statt Großveranstaltungen.

Kurz nach halb eins hat die Ärztin Jakubcova genug. Sie steckt Wahlkampfhelfer Ferdinand Feller ihre Visitenkarte zu und geht. Er wirkt mit seinem roten T-Shirt und dem Schnäuzer wie ein Bilderbuchsozialdemokrat. Heute morgen hat er die Genossen vom Arbeitskreis "60 plus" von Leverkusen zum Wahlkämpfen nach Köln gefahren. Wochentags werben die SPD-Senioren in dem Häuschen auf dem Wiener Platz für Lauterbach, am Wochenende die Jusos. Am Nachmittag will Feller mit Lauterbach nach Leverkusen-Opladen. "Das wirft ja kein gutes Licht auf uns, wenn wir den Leuten sagen, er kommt und dann kommt er nicht", ärgert er sich.

Mit einer Verspätung von fast einer Dreiviertelstunde trifft der Kandidat ein. Er wirkt angespannt. Interessierte Bürger warten nicht mehr auf ihn. Lauterbach greift Material zum Verteilen. "Der Wahlkampf ist kein Selbstläufer", betont der 46-Jährige. Seit Wochen ist er vor Ort im Einsatz.

Lauterbach macht eine Art evidenzbasierten Wahlkampf. "Der Straßenwahlkampf ist das Entscheidende. Das haben Studien ergeben", sagt er. Der Politiker und seine Unterstützer haben die vorhergehenden Wahlen akribisch untersucht. "Priorität haben jetzt die Gegenden mit einem guten Ergebnis für die SPD und geringerer Wahlbeteiligung", doziert er. "Da ist das Potenzial am größten."

Statt für die Bürgerversicherung wirbt der Vater von fünf Kindern für "gesundes Grillen". Im Frühjahr hat der SPD-Gesundheitsexperte im Interview mit der links-alternativen Berliner "tageszeitung" vor den Gefahren des Fleischgrillens gewarnt -das werden die grillfreudigen Genossen in den Ortsvereinen nicht gerne gehört haben. Lauterbach korrigierte seinen Kurs und versucht sich seitdem als Experte für gesundes Grillen. Auf seiner Homepage und auf seinen Wahlkampfkarten wirbt er für "Marinade à la Lauterbach".

Grillen findet das ehemalige Mitglied des Sachverständigenrats für das Gesundheitswesen ein schlagendes Thema. Er hat es bei den einzigen größeren Events in seinem Wahlkampf aufgegriffen - beim "Solargrillen" mit dem Bundesumweltminister Sigmar Gabriel und beim "multikulturellen Grillen" mit der SPD-Vize Andrea Nahles.

Was er will, ist ohnehin bekannt, ist er überzeugt. "Meine politischen Inhalte kennt hier jeder", glaubt er. Lauterbach ist nicht nur Dauergast in Talkshows, auch in Berichten im Fernsehen und in Zeitungen wird er oft zitiert. Anders als die übrigen Parlamentsneulinge ließ er sich in der vergangenen Legislaturperiode nicht auf die Hinterbänke verweisen. Lauterbach tanzt gerne in der ersten Reihe, auch wenn das gegen die Fraktionsdisziplin verstößt.

Köln-Mülheim gehört zu den wenigen Orten in Deutschland, an denen die sozialdemokratische Welt noch in Ordnung ist. Aber zum Wahlkreis gehört auch Leverkusen. Dort wurde bei der Kommunalwahl im August der sozialdemokratische Bürgermeister abgewählt. Kann Lauterbach seinen Wahlkreis nicht verteidigen, dürfte seine politische Karriere erst einmal gestoppt sein - auf der nordrhein-westfälischen Landesliste hat er nur einen aussichtslosen Platz bekommen. "Er zeigt einen unglaublichen Einsatz", sagt Parteifreund Feller. Lauterbach hat sich die Anerkennung der SPD-Basis in den vergangenen vier Jahren erarbeitet. Beim letzten Bundestagswahlkampf spotteten die proletarisch geprägten Genossen in Mülheim noch hinter vorgehaltener Hand über den Mann mit der Gelehrtenfliege. Solche Töne sind hier nicht mehr zu hören.

Professor Dr. Karl Lauterbach (SPD)

Karl Lauterbach wurde am 21. Februar 1963 in Düren geboren. Er studierte Medizin in Aachen, Texas und Düsseldorf sowie Epidemiologie und Gesundheitsökonomie in Boston. Von 1999 bis 2005 war er Mitglied im Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen. Seit 2005 ist er Bundestagsabgeordneter und sitzt im Gesundheitsausschuss und im Finanzausschuss. (akr)

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