Ärzte Zeitung, 07.10.2009

Arzt als Seelsorger - trotz zu knapper Mittel

In der Debatte um Priorisierung von Gesundheitsleistungen sollte der Arztberuf in seinem ganzheitlichen Profil gestärkt werden, fordert der Vizepräsident der baden- württembergischen Ärztekammer, Dr. Ulrich Clever.

Von Volker Rothfuss

Arzt als Seelsorger - trotz zu knapper Mittel

"Die Rolle des Arztes als Vertrauter des Patienten hat gelitten." Dr. Ulrich Clever Vizepräsident der Landsärztekammer Baden-Württemberg

STUTTGART. "Wir sind als Ärzte nicht nur Ökonomen, sondern auch Handwerker, Wissenschaftler, Seelsorger und Künstler und wir wollen es auch im Rahmen der Priorisierung bleiben", betont Dr. Ulrich Clever, Vizepräsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg.

Als Menschenrechtsbeauftragter seiner Kammer und Mitglied von Amnesty International ist der Frauenarzt aus Freiburg selbst gefordert, wenn es um Menschen in Not geht. Als Behandler und Gutachter steht er behinderten Kindern, Sterbenden und traumatisierten Flüchtlingen zur Seite. Die dafür erforderliche ethische Haltung dürfe in der Debatte um die Rangfolge von medizinischen Leistungen nicht unter den Tisch fallen, fordert Clever.

Für die Ärzte sieht er die Verantwortung darin, die GKV-Leistungen aus fachlicher Sicht hinsichtlich ihrer Dringlichkeit zu bewerten. Dabei kann er als "Vision" sich vorstellen, die Priorisierung auch als regionales Projekt voranzutreiben. Bislang ist es Aufgabe des Gemeinsamen Bundesausschusses, über den Leistungskatalog der GKV zu entscheiden.

Was bisher eine offene Debatte über Priorisierung auf nationaler Ebene bremst, schwächt auch das Vorhaben, das Projekt regional zu fördern: Sprüche wie "alle gesetzlich Versicherten bekommen alles" wecken nach Clevers Ansicht bei den Bürgern Illusionen und fördern die "verdeckte" Priorisierung. Als Folge treibe es immer mehr Jungmediziner dazu, dem klassischen Arztberuf aus dem Weg zu gehen. Der Südwesten verzeichnet derzeit eine besonders niedrige Zahl bei den Facharztprüfungen für Allgemeinmedizin, etwas besser sieht es bei Fachärzten aus. Konkrete Zahlen konnte Clever nicht nennen.

Solange aber "Politiker nicht ehrlich zu den Leuten sind, lässt sich auch die Rolle des Arztes als Vertrauter des Patienten nicht wiederherstellen", sagt er. Für Clever sind derlei "Soft Skills" ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal des niedergelassenen Arztes. Um diese Vertrauenbeziehung wieder zu gewinnen, bedürfe es eines "klar definierten Rahmens, innerhalb dessen die partizipative Entscheidung zwischen Arzt und Patient weiterhin möglich bleibt". Die Bundesärztekammer hatte beim jüngsten Ärztetag in Mainz dazu die Bildung eines Gesundheitsrates vorgeschlagen - und war auf heftigen Protest gestoßen.

Für Clever ist klar, dass sich eine Einzelpraxis nicht allein auf Menge und Effizienz polen lässt wie eine große Klinik oder ein arbeitsteiliges MVZ. Umgekehrt sei der allein praktizierende Arzt unschlagbar, wenn es darum geht, Patienten "über einen längeren Zeitraum zu begleiten und die Wirksamkeit der Medizin durch eine tragfähige Beziehung zwischen Behandler und Patient zu erhöhen".

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