Ärzte Zeitung, 06.10.2009

Gespräch am Krankenbett als Präventionsmöglichkeit

Zwischen 2000 und 2007 sind Klinikaufenthalte von Jugendlichen nach "Komasaufen" um 137 Prozent gestiegen. Präventionsprojekte verfolgen verschiedene Ansätze - auch Erwachsene müssen verzichten lernen.

Von Rebecca Beerheide

Gespräch am Krankenbett als Präventionsmöglichkeit

Jugendliche landen immer häufiger mit Vollrausch in Kliniken.

Foto: dpa

HEIDELBERG. Beim diesjährigen Oktoberfest hatten Ärzte alle Hände voll zu tun: Deutlich mehr Volltrunkene mussten behandelt werden - unter ihnen auch immer mehr Frauen. Dieses Phänomen bereitet Ärzten, Pädagogen und Wissenschaftlern Sorge: Unter den 23 000 Kindern, die 2007 in Kliniken mit Alkoholvergiftung eingeliefert wurden, sind immer mehr Mädchen ab zwölf Jahren. "Viele jüngere Mädchen verbringen ihre Freizeit mit älteren Jungs", erklärt Professor Jörg Wolstein, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie an der Uni Bamberg. Jungen landen statistisch gesehen erst zwei Jahre nach den Mädchen im Krankenhaus.

Die gängigen Präventionskampagnen haben bei Jugendlichen nicht gewirkt, darin waren sich Wissenschaftler und Pädagogen auf dem Kongress der europäischen Medizinstudenten in Heidelberg einig. "Wenn man mit abschreckenden Bildern auf Bierdeckeln wirbt, erreicht das nicht die Zielgruppe", sagte Wolstein. Jugendliche trinken außerhalb von Kneipen.

Das Präventionsprojekt "HaLT" geht einen anderen Weg: Die Mitarbeiter sprechen die Jugendlichen direkt in der Klinik nach dem Vollrausch an - diese Situation im Bett sei vielen peinlich und gleichzeitig seien sie offener für ein Gespräch über ihre Trinkgewohnheiten, sagte Pädagogin Iris Wurmbauer aus Lörrach. Zwar seien Kliniken skeptisch gewesen, doch nun sehen viele Ärzte das Projekt positiv, erzählte Wolstein. "Leider geben nicht alle Eltern den Ärzten ihr Einverständnis, dass die Projektmitarbeiter mit ihren Kindern sprechen dürfen", so Wurmbauer. Grund: Immer öfter haben die Eltern ihren Kindern den Alkohol gekauft.

"Auch Erwachsene müssen auf etwas verzichten, damit Jugendliche das Verhalten nicht kopieren", sagt daher Wollstein. Doch die Idee ist noch nicht überall umzusetzen. Sabine Kowalewski, Pädagogin beim "HaLT"-Projekt im niedersächsischen Herzberg, konnte vor allem die Sportvereine nicht für die Präventionsziele gewinnen. "Ohne Alkohol sind Vereinsaktivitäten oft nicht vorstellbar", so Kowalewski.

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