Ärzte Zeitung online, 02.02.2010

DGPPN: Priorisierung ärztlicher Leistungen nicht zu Lasten psychisch Kranker

BERLIN (eb). Was kommt bei der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen auf uns zu? Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) hat ein Symposium zum Thema Rationalisierung, Priorisierung, Rationierung veranstaltet. Diskutiert wurde, wie die psychiatrische Versorgung gerecht und transparent gestaltet werden kann.

Nach Ansicht der DGPPN gibt es kein grundsätzliches Argument gegen eine Priorisierung in der Psychiatrie. Die internationalen Erfahrungen in der Psychiatrie und anderen klinischen Fachgebieten zeigen allerdings, dass die erwünschten Steuerungseffekte kaum erreicht wurden - sofern eine Übertragbarkeit auf Deutschland in Anbetracht der grundlegenden Unterschiede der Versorgungssysteme überhaupt möglich ist. Priorisierungsvorschläge müssen in jedem Fall wissenschaftlich begründet und unter Beteiligung von Leistungserbringern, Kostenträgern, Fachgesellschaften, den Betroffenen und ihren Angehörigen entwickelt werden.

Doch auch der offene Diskurs hat nach Ansicht der DGPPN seine Grenzen: Priorisierungs- oder Rationierungsentscheidungen dürfen auf keinen Fall zu Lasten von Menschen mit psychischen Erkrankungen ausfallen.

Die Dringlichkeit der Debatte wird noch zunehmen. So steigt aufgrund der demografischen Entwicklung die Zahl der Menschen mit altersbedingten neurologisch-psychiatrischen Erkrankungen wie Alzheimer-Demenz oder Depression. Hinzu kommt, dass seit Jahren psychische Störungen die häufigste Ursache für Frühberentungen sind, so die DGPPN in einer Mitteilung. Der Anteil von psychischen Störungen als Ursache für Arbeitsunfähigkeitstage und -fälle ist in den letzten rund 15 Jahren um 70 bis 80 Prozent gestiegen.

Dem wachsenden Versorgungsbedarf stehen jedoch begrenzte finanzielle und personelle Mittel gegenüber. Schon jetzt befindet sich das psychiatrische Versorgungssystem laut eines Gutachtens der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in einer Schieflage. Problematisch ist neben der regionalen Ungleichmäßigkeit der Versorgung psychisch Kranker vor allem eine verdeckte Priorisierung und Rationierung, denen das Fachgebiet Psychiatrie und Psychotherapie genauso wie das gesamte Gesundheitswesen ausgesetzt ist.

Das bemängelt die DGPPN:

  • Patienten müssen teilweise unzumutbar lange auf Behandlungstermine warten.
  • Die Fallzahlen und Entgelte sind zwischen niedergelassenen Nervenärzten und Psychiatern auf der einen Seite und den niedergelassenen Psychotherapeuten auf der anderen Seite zu Ungunsten der ärztlichen Seite verteilt.
  • Kassenpatienten werden bei Wartelistenentscheidungen benachteiligt.
  • Die von der Psychiatrie-Personalverordnung vorgegebenen Richtzahlen zur Personalausstattung psychiatrischer Krankenhäuser und Fachabteilungen werden aus Kostengründen nicht erfüllt.
  • Menschen mit psychischen Erkrankungen werden im Bereich der privaten Krankenversicherung ausgeschlossen oder nur mit Risikozuschlägen aufgenommen.
  • Es macht sich ein zunehmender, momentan noch regional begrenzter Ärztemangel bemerkbar.

Das waren die Themen, die auf dem Hauptstadtsymposium am 2. Februar 2010 in Berlin besprochen wurden. Die DGPPN hat das Symposium gemeinsam mit der Bundesärztekammer (BÄK) veranstaltet.

Mehr Informationen auf der Homepage der DGPPN

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