Ärzte Zeitung, 30.04.2010

Internisten fordern: Schluss mit der Verteilungsdiskussion

Angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung vermisst der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) eine Grundsatzdiskussion über künftige Versorgungsstrukturen. Die BDI-Spitze fordert eine Neuordnung der ambulanten und stationären Versorgungsebenen.

Von Wolfgang van den Bergh

WIESBADEN. Der Internistenverband beklagt, dass die aktuelle Diskussion um die Sicherung der Versorgung immer noch zu sehr unter Verteilungsgesichtspunkten geführt werde. Nach Ansicht von BDI-Chef Dr. Wolfgang Wesiack und seinen beiden Vorstandskollegen Dr. Wolf von Römer sowie Professor Malte Ludwig, werden die Herausforderungen im Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung unterschätzt. "Und das betrifft nicht alleine nur die ärztliche, sondern vor allem auch die pflegerische Versorgung", so von Römer. Bei einer prognostizierten Zahl von über einer Million Dementen in den nächsten Jahren sei man auf die dramatisch steigende Zahl der zu erwartenden Pflegefälle nicht vorbereitet.

Internisten fordern: Schluss mit der Verteilungsdiskussion

Fordern eine Struktur- anstelle einer Verteilungsdiskussion: Dr. Wolf von Römer, Dr. Wolfgang Wesiack und Professor Malte Ludwig (v.l.)

Das gelte übrigens auch für die Versorgung in Kliniken, sagte Ludwig in einem BDI-Pressegespräch. So seien etwa die DRGs auf kurze Liegezeiten ausgerichtet. "Das passt allerdings nicht zu dem Patientenklientel der Zukunft", so Ludwig.

Aber auch an die eigene Zunft appelliert Wesiack: Ebenso wie die DRGs den veränderten Bedingungen angepasst werden müssten, sollten auch die Lerninhalte in Aus- und Weiterbildung der demografischen Entwicklung Rechnung tragen. Der BDI-Chef: "Weil wir wissen, dass die meisten Volkskrankheiten internistische Erkrankungen sind, müssen wir darauf in der Weiterbildung inhaltlich eine Antwort geben."

Eines der angestrebten Ziele des BDI ist es, hier den Facharzt für innere Medizin und Geriatrie zu etablieren. Dieser Arzt-Typus müsse künftig maßgeblich an der Versorgungssteuerung beteiligt werden.

Der Internistenverband steht damit im Widerspruch zu Politik und Kassen, die hier eher die Rolle des Allgemeinarztes stärken wollen. Der BDI prognostiziert, dass sich eine solche Auffassung mit Blick auf rückläufige Zahlen in der allgemeinmedizinischen Weiterbildung nicht halten lasse. Der Trend in der Inneren Medizin sei dagegen eher positiv. In Kenntnis einer solchen Entwicklung sei auch hier ein Grundkonsens nötig, welche Ärzte künftig an der primärärztlichen Versorgung teilnehmen sollen.

Der Internistenverband vertritt die Position, dass Paragraf 73 b zur hausarztzentrierten Versorgung genau der falsche Weg sei, die primärärztliche Versorgung zu sichern. Er bediene letztlich nur die Interessen einer Arztgruppe, "ohne dass jemals ein Beleg dafür geliefert worden ist, dass dadurch die Patienten-Versorgung besser wird", argumentiert Ludwig. Nach Auffassung Wesiacks müssen die Strukturen für eine Basisversorgung, für eine spezialisierte Versorgung sowie für die Versorgung im Krankenhaus neu definiert werden.

Eine Verlagerung der fachärztlichen Versorgung an Kliniken, wie auch von den Kassen gefordert, lehnt der BDI ab. In diesem Zusammenhang warnt Ludwig auch vor der Einführung einer dritten fachärztlichen Versorgungsebene, wenn man den Paragrafen 116 b lockere. Dieser Paragraf räumt Kliniken das Recht ein, an der ambulanten spezialisierten fachärztlichen Versorgung teilzunehmen. Der BDI fordert hier ein Überweisungsvorbehalt durch einen niedergelassenen Facharzt.

[07.05.2010, 13:13:07]
Dr. Jürgen Schmidt 
Wahrnehmungsstörungen
Berufspolitische Wahrnehmungsstörungen sind häufig, die Bereitschaft dies zu leugnen ausgeprägt.
Die Selbsteinschätzung eines Berufsverbandes und das Selbstwertgefühl der Mitglieder entsprechen im Fall des BDI leider nicht der Außenansicht und der Wertschätzung durch andere Verbände und Institutionen, einschließlich der Bundesärztekammer.
Daran sollte man sich erinnern, wenn man über die eigene Rolle in der Versorgungsstruktur nachdenkt und sogar ein neues Gebiet der Weiterbildung für sich einfordert. Man muss sich daran erinnern, dass in den 90er Jahren ein hoher (nunmehr höchster Vertreter) der BÄK bei Facharztprüfungen im Kenntnisstand von Allgemeinmedizinern und Internisten keinen wesentlichen Unterschiede auszumachen meinte. Einige Jahre später erfolgte dann die Verschmelzung der Weiterbildung.

Was in den 90er Jahren von wenigen Internisten eingefordert und mit ersten Versuchen begonnen, jüngst durch die verbliebenen Fachärzte für Innere Medizin fortgesetzt wurde, nämlich den medizinischen und gesundheitsökonomischen Vorteil einer Weiterbildung zum Vollinternisten auf Heller und Pfennig unter Beweis zu stellen, ist nach wie vor das Gebot der Stunde. Argumente statt Postulate! Fakten statt Fiktionen!

Dem BDI bei seinen Strukturüberlegungen zur Hilfe kommen könnte allerdings eine weitere Wahrnehmungsstörung, die der Hausärzte, die den Beweis für ihre allgemein als übersteigert registrierte Selbsteinschätzung bislang schuldig geblieben sind.

Nicht lange zu spekulieren braucht man hingegen, ob die Aussicht der angestellten Ärzte auf Eliminierung der zweiten Facharztschiene mit einer Aufwertung ihres Status verbunden sein wird. Denn wenn die Alternative der Niederlassung fortfällt, gibt es für die Arbeitgeber und die Ausstattung der Arbeitsplätze – gelinde gesagt - keinen Grund zur Großzügigkeit.

Von Vernetzungen und Verzahnungen in der Struktuirpolitik ist derzeit immer noch viel die Rede, von vernetztem Denken und die Zähne zeigen sind die Ärzte jedoch weit entfernt.

Das ist die Wirklichkeit!
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