Ärzte Zeitung, 05.07.2010

"Das Wort Hausärztemangel mag ich nicht"

Geht es um den Ärztemangel in Thüringen, fällt mit Sicherheit sein Name: Professor Jochen Gensichen. Vor zwei Jahren hat er das Institut für Allgemeinmedizin an der Universität Jena mit aufgebaut. Er gilt als Hoffnungsträger, um den prognostizierten Mangel doch noch abzuwenden.

Von Robert Büssow

"Das Wort Hausärztemangel mag ich nicht"

"Wir können den jungen Kollegen nicht permanent ihren Beruf schlecht reden. Diese Mangelwelt ist unattraktiv." Professor Jochen Gensichen, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeinmedizin an der Universität Jena.

© Uni Jena

"Eins vorweg, das Wort Hausärztemangel mag ich nicht", sagt Professor Gensichen, 46 Jahre alt und Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeinmedizin an der Uni Jena. "Wir können den jungen Kollegen nicht permanent ihren Beruf schlecht reden. Diese Mangelwelt ist unattraktiv." Aber natürlich kennt auch Gensichen die Prognosen der Kassenärztlichen Vereinigung, die von etwa 600 unbesetzten Hausarztpraxen bis 2020 allein in Thüringen ausgehen. Vor zwei Jahren wurde das Institut - damals als zwölftes in ganz Deutschland - gegründet, um für Nachschub zu sorgen.

Obligatorisches Praktikum im achten Semester

Lange hatte die Allgemeinmedizin einen schlechten Ruf, so Gensichen: zu global, unspezifisch, der Arzt als überforderter Generalist. Das ändere sich erst jetzt allmählich. In den vergangenen zwei Jahren hat er die Allgemeinmedizin stückweise in den Lehrplan integriert. Im achten Semester absolvieren alle Medizinstudenten zwei Wochen lang ein obligatorisches Blockpraktikum in einer Hausarztpraxis. Eine Vorlesungsreihe, in der ein Dozent und ein niedergelassener Arzt zusammenarbeiten, wird im zehnten Semester angeboten. Der Koordinator der Lehre am Institut, Dr. Sven Schulz, schwärmt von der wechselseitigen Inspiration. "Wir verstehen uns als Brücke zwischen medizinischer Wissenschaft und der Hausarztpraxis." So gelange aktuelles Know-how noch schneller in die ambulante Breitenversorgung, gleichzeitig fließen Erfahrungen aus der Praxis ein. Stolz ist Gensichen vor allem auf die Beteiligung an der Sepsis-Forschung, einem Profil der Uni Jena.

Auch für das Praktische Jahr (PJ) sind mittlerweile zwölf Plätze im niedergelassenen Bereich reserviert. "Jeder, der den Finger für die Allgemeinmedizin hebt, den geben wir nicht mehr her", sagt Gensichen überspitzt. Denn noch immer ist sein Fach das einzige an der Uni, welches die Medizin außerhalb des Krankenhauses lehrt. Erst durch die direkte Erfahrung in der Praxis würden viele angehende Ärzte ihre Vorurteile ablegen. Vorurteile, die sie teilweise erst im Laufe des Studiums entwickeln, wie Gensichen erklärt: "Im Studium lernen die Studenten Schulmedizin auf Topniveau, die Kraft der Diagnostik und der Medikamente - und verlieren ein Stück die Kraft der Worte." Die Aufgabe seines Instituts sei es, diesen Aspekt nicht verloren gehen zu lassen. Deswegen wünscht sich Lehrkoordinator Schulz auch eine frühere Anbindung seines Faches ins Studium als erst im achten Semester.

Eine Teampraxis als Zukunftsvision

Neuestes Projekt ist ein Mentorenprogramm, in dem angehende Hausärzte von erfahrenen Kollegen Rat einholen können. 35 Mentoren haben sich bereits gemeldet, viele sicher auch in der Hoffnung, Nachwuchs für die eigene Praxis zu gewinnen. Die Chancen dafür sind gar nicht so schlecht, glaubt Gensichen. "Junge Menschen haben neue Werte. Das ist nicht nur Geld." Die kommende Generation Hausärzte, die bei ihm studiert, sieht er als Teamplayer: "Meine Zukunftsvision ist die einer Teampraxis, in der sich Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt."

Konkret: drei bis vier Hausärzte, zwei in Weiterbildung und nichtärztliches Personal. Da seien auch Teilzeitlösungen möglich, was gerade Frauen, die allein in Jena mittlerweile 70 Prozent der Medizinstudenten ausmachen, entgegenkommt. "Der gestandene Einzelkämpfer hat ausgedient", glaubt Gensichen.

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