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Ärzte Zeitung online, 30.07.2010

Köhler: Vertragsärzte brauchen ein komplett neues Honorarsystem

KÖLN (iss). Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Dr. Andreas Köhler räumt ein, dass die Honorarreform nicht der erwartete große Wurf war. Das Vergütungssystem für die niedergelassenen Ärzte müsse auf völlig neue Füße gestellt werden, immer neue Korrekturen führten nicht mehr weiter, sagt Köhler im Interview mit "Standpunkt", dem gesundheitspolitischen Magazin der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL).

Köhler: Vertragsärzte brauchen ein komplett neues Honorarsystem

Dr. Andreas Köhler: "Ich glaube nicht an die Weiterentwicklung des heutigen Honorierungs- und Verteilungssystems."

© Elke Hinkelbein

"Ich glaube nicht an die Weiterentwicklung des heutigen Honorierungs- und Verteilungssystems", sagte Köhler in dem Interview. Künftig seien neue Instrumente für die Honorarverteilung notwendig. Das System sei durch zahlreiche Regelungen und Vorschriften immer komplexer geworden. "Wir haben meiner Ansicht nach jetzt einen Komplexitätsgrad erreicht, der in einem nächsten Schritt nur noch ins Chaos führen kann", so Köhler. Die heutigen Bemessungsgrundlagen wie Fallzahlen und -werte würden nichts über Behandlungsnotwendigkeiten und Praxisstrukturen aussagen.

Die zurzeit gültigen Regelungen seien zwar notwendig gewesen, um Budgetierung, Kopfpauschalen und Grundlohnsummenorientierung abzulösen, betont er. "Aber es wird kein System sein, das auf Dauer zu einer planbaren, fairen und gerechten Vergütung der Vertragsärzte führt."

Die Realisierung dieses Ziels hält Köhler allerdings für schwierig. Für ein Kostenerstattungssystem fehle auch künftig der politische Wille, erwartet er. Mit dem Sachleistungsprinzip seien aber bei einer nur begrenzten Geldmenge Fairness und Transparenz nicht zu erreichen.

Denkbar seien Änderungen am Leistungsversprechen der Krankenkassen. "Mit anderen Formen der Eigenbeteiligungen kann beim Versicherten angesetzt und die Leistungsmenge gesteuert werden", sagt der KBV-Chef. Die Ärzteschaft halte an dieser Forderung fest, auch wenn sie politisch nicht opportun sei. "Das wird eine gesellschaftliche Diskussion der nächsten Jahre werden, an der sich die Ärzteschaft beteiligen muss."

Mit Blick auf die von der KBV-Vertreterversammlung für 2011 beschlossene asymmetrische Verteilung der Honorarzuwächse erwartet Köhler ein hartes Ringen mit den Krankenkassen. Es zeichne sich ab, dass die Kassen ihr im Bewertungsausschuss nicht zustimmen werden, berichtet er. "Wir müssten dann in den Erweiterten Bewertungsausschuss und dort überzeugen."

Er verstehe die von der KVWL erhobene Forderung nach einer bundesweit einheitlichen Vergütung, um regionale Benachteiligungen zu vermeiden, sagt Köhler. Gleichzeitig mahnt er eine größere Ehrlichkeit in der Diskussion an. "Gemessen am Umsatz je Arzt nimmt die KV Westfalen-Lippe einen der vordersten Plätze im Ranking der KVen ein." Zwar werde das häufig über mehr Fälle erarbeitet. "Heute ist mir diese Diskussion in weiten Teilen aber zu holzschnittartig."

[01.08.2010, 12:42:36]
Leopold Mersch 
Welches System?
Wurde die Änderung der Honorarsystematik bislang als planvolles Handeln, als Etappe auf einem vorgezeichneten Weg zu einer neuen Vergütungs- und Verteilungsqualität dargestellt, wird nun sichtbar, wohin die Reise wirklich führt.

Allerdings steht das System nicht unmittelbar vor dem Chaos, das Chaos herrscht schon längst inmitten des Systems. Deshalb hat es tatsächlich keinen Sinn, es zu ändern; es muss ein anderes System her.

Was die Anforderungen an ein Honorarsystem geht, sind wir einig: Die Vergütung sollte verständlich, verlässlich, angemessen und gerecht sein. Die Realisierung dieses Ziels hält Köhler allerdings für schwierig.

Angemessenheit ist bei einer zureichenden Geldmenge weder mit dem Sachleistungsprinzip noch mit dem Prinzip der Kostenerstattung zu erreichen. Fairness im Sinn von Verteilungsgerechtigkeit und Transparenz wären hingegen auch bei unzureichender Geldmenge möglich.

Es geht also um zwei zu unterscheidende Probleme:

1. Es wird zu wenig Geld zur Verfügung gestellt. Die Honorierung ist unangemessen.

2. Das zu Wenige wird undurchschaubar, unvorhersehbar und ungerecht verteilt.

Die zur Verfügung stehende Geldmenge hat die KBV nicht allein zu verantworten, wohl aber deren Verteilung. Der beklagte Komplexitätsgrad betrifft in erster Linie den Verteilungsaspekt und damit die KBV. Sie hatte Zeit genug, eine intelligente Vergütungsregelung zu erarbeiten mit den Zielen: Verständlichkeit, Verlässlichkeit und Gerechtigkeit.

Die Politik hätte durch geeignete Maßnahmen schon längst dafür sorgen müssen, dass Geld in ausreichender Menge zuverlässig zur Verfügung steht, um die Ziele: Annehmbarkeit für die Versicherten, Angemessenheit für die Leistungserbringer und Verlässlichkeit für alle Beteiligten zu erreichen.

Aber um welches System sollte es nun eigentlich gehen? Um das Honorarsystem oder um das System, das ein solches Chaos hervorgebracht, mithin völlig versagt hat?
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[30.07.2010, 17:48:14]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Alter Wein in Neuen Schläuchen!
Herr Kollege Köhler, seit Sie Vorsitzender der KBV sind, sprechen Sie mindestens 1xjährlich von einem völlig neuen Honorarsystem. Danach räumen Sie immer ein, "dass die Honorarreform nicht der erwartete große Wurf war", und tun immer völlig zerknirscht, weil Sie mit dieser Echternacher Springprozession nicht voran kommen. "Das Vergütungssystem für die niedergelassenen Ärzte müsse auf völlig neue Füße gestellt werden" habe ich mir schon als Fließtext auf meine Abrechnungs-CD's gebrannt, und denke dann immer an Bertolt Brecht: "Auf die Frage, wie es ihm denn so ginge, sagte Herr K.: 'Sehr gut, ich bereite gerade meinen nächsten Irrtum vor'."

Was Sie allerdings am Interviewende im KVWL-Standpunkt Nr. 4 als jemand mit betriebswirtschaftlicher Zusatzqualifikation sagen, lässt mir meine wenigen Haare zu Berge stehen (wenigstens da haben wir etwas gemeinsam): "Es ist einfach nicht so, dass die Ärzte in Westfalen-Lippe einen unterdurchschnittlichen Umsatz aus der (GKV) erwirtschaften."
Welche Ärzte meinen Sie? Laborfachärzte, Radiologen, Orthopäden?? Sie wurden doch hoffentlich informiert, dass das RLV für Hausärzte unter 25 Euro Umsatz (sic!) in der KVWL liegt. Jedes Billig-Fitnessstudio nimmt locker das Dreifache! Und dann noch Ihr schlichtes: "Das wird häufig über mehr Fälle erarbeitet." Jeder BWL-Anfänger lernt, dass mehr Fälle auch mehr Kosten produzieren und damit an der Gewinnerwartung nagen. Sie schließen im KVWL-Gespräch mit "holzschnittartig"; wir sind aber nicht bei den Holzhackern, sondern bei den Hausärzten, die auf ihrer Versorgungsebene 80% der Patientenprobleme umfassend lösen und dafür den § 73b SGB bekommen haben (den Sie und Andere fleißig torpedieren). Dafür leisten wir: Lotsen- und Präsenzfunktion mit Koordination, Integration, Qualifikation und Fortbildung, mit Hausbesuchen, KPQ, QM oder TÜV-Zertifizierungen, mit Sondersprechstundenzeiten, Vorhalten von Medizintechnik, qualifizierte evidenzbasierte Anamnese, Untersuchung, Diagnostik und Therapie im präventiven, diagnostischen, kurativen und palliativen Bereich (HELFEN, HEILEN, LINDERN, VORSORGEN). Sie können einfach nicht mehr an uns Hausärzten vorbei! Mit kollegialem Gruß Dr. med. T. G. Schätzler, Facharzt für Allgemeinmedizin in Dortmund  zum Beitrag »

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