Ärzte Zeitung, 19.08.2010

Ein Minister lernt das Landarztleben

Eine Sprechstunde zusammen mit dem Kollegen Bundesgesundheitsminister: Dr. Astrid Elgeti aus Mecklenburg-Vorpommern nutzt die Chance, Philipp Rösler den landärztlichen Alltag in ihrer Praxis näher zu bringen.

Von Dirk Schnack

"Vorsorgung ist wichtiger als Finanzdebatten"

Landärztin Dr. Astrid Elgeti und Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler: Der Augenarzt lernt die Arbeit einer Landärztin aus erster Hand kennen.

© dpa

LOITZ. Einen Vorpommern kann so leicht nichts beeindrucken. Auch kein Bundesgesundheitsminister, der unerwartet in der Praxis seiner Hausärztin auftaucht. "Der fährt anschließend wieder nach Berlin und hat uns dann vergessen", vermutet Patient Karl-Heinz Berndt. Der Mann sitzt wie ein Fels in der Brandung und gibt im Wartezimmer bereitwillig Auskunft, auch als sich Scheinwerfer und Kameras auf ihn richten.

Wie die anderen Patienten im Wartezimmer ist er an diesem Vormittag von dem Besuch von Dr. Philipp Rösler überrascht worden. Etwas dagegen, dass Rösler bei den Behandlungen von Dr. Astrid Elgeti mit im Sprechzimmer sitzt, hat keiner von ihnen. Rösler ist nach Loitz gekommen, um den landärztlichen Alltag aus erster Hand kennen zu lernen. Dafür ist Elgetis Praxis prädestiniert. Schon vor der Wende war Elegti hier als Ärztin aktiv, kennt fast jeden Patienten persönlich - und davon hat sie reichlich, fast 1500 kommen zu ihr im Quartal.

Drei Angestellte und zwei Zweigsprechstunden

Um die versorgen zu können, braucht die Ärztin drei Angestellte, zwei Zweigsprechstunden in anderen Orten und eine geöffnete Sprechstunde am Sonnabend. Sie musste sich in ihrem Berufsleben mit viel Papierkram herumschlagen, einen Regress abwehren und lernen, in der Praxis DMP umzusetzen. Für viele Hausärzte ist das zwar Alltag - aber dennoch beeindruckend, findet Augenarzt Rösler. Er gibt offen zu, dass ihm der Alltag von Landärzten fremd und er gekommen ist, diese Lücke zu schließen. Dafür hat er sich ausgerechnet eine "Super-Ärztin" ausgesucht, wie die Frau von Karl-Heinz Berndt meint. "Die ist immer für einen da, wenn man sie braucht." Deswegen kommen die Berndts schon seit über 25 Jahren in ihre Praxis, obwohl sie sogar noch Alternativen haben. In Loitz (rund 3500 Einwohner) praktizieren noch zwei weitere Ärzte.

Bei so viel Lob für die Ärztin fangen die ersten Medienvertreter, die das Sprechzimmer bevölkern, schon an zu zweifeln, ob die Praxis denn überhaupt repräsentativ ist. Zumindest ist die Arbeitsbelastung nicht ungewöhnlich. Auch Rösler verweist auf die hohe Zahl an häufig multimorbiden Patienten, die von den niedergelassenen Ärzten in den neuen Bundesländern versorgt werden. Von Elgeti bekommt er bestätigt, dass die Ärzte an der Ostsee selten finanzielle Probleme beklagen. "Geld ist nicht das Problem. Ich kann von meinem Verdienst gut leben", sagt die Landärztin. Sorgen bereitet aber, dass so wenig junge Kollegen bereit sind, aufs Land zu gehen.

Elgeti beschönigt in Gegenwart des Ministers nichts, beklagt sich aber auch nicht. Damit Rösler den ganz normalen Praxisalltag mitbekommt, wird trotz des hohen Andrangs auch an diesem Tag kein Patient auf später vertröstet. Rösler sieht sich anschließend bestätigt, dass es nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Politik um die Patienten gehen muss. "Gesundheitspolitik ist eben nicht nur Diskussion um Finanzen, wichtiger ist die Versorgung." Und er weiß, dass er an der Versorgung gemessen wird: "Die Menschen bewerten, ob und wo sie einen Arzt finden. Nur mit dem Arzt vor Ort ist ein gutes Arzt-Patienten-Verhältnis möglich." Damit auch künftig Ärzte wie Elgeti für die Menschen da sind, ist Rösler für eine Überarbeitung der Bedarfsrichtlinien, für Zuschläge und für die Abschaffung von Regressen.

Gesundheitsratschläge auch beim Friedhofsbesuch

Vor allem aber sollte aus seiner Sicht mehr jungen Ärzten der Einblick in den landärztlichen Alltag ermöglicht werden, damit diese entscheiden können, ob der Beruf für sie in Frage kommt. Landarzt, berichtet Elgeti, müsse man jeden Tag "leben". Dazu gehört, dass einen die Menschen täglich auch dann ansprechen, wenn man nicht im Dienst ist. Bei Elgeti geht das so weit, dass sie schon mal auf dem Friedhof Ratschläge zur Bekämpfung eines Hautausschlags geben muss. Nicht Jedermanns Sache, findet Rösler. "Wer lieber forscht und nur wissenschaftliche Bücher liest, muss nicht unbedingt so eine Praxis führen", sagt er. Aber der Nachwuchs sollte zumindest die Chance bekommen, den landärztlichen Alltag kennen zu lernen.

Der Frage, ob er sich denn selbst eine Praxistätigkeit vorstellen könne, weicht Rösler geschickt aus. Fest steht aber, dass seine Meinung über die landärztlichen Kollegen an diesem Tag nicht gelitten hat. Zugleich hat es Rösler mit seinem charmanten Auftreten geschafft, den skeptischen Patienten Karl-Heinz Berndt doch noch etwas milder zu stimmen. Nett und angenehm sei der Mann, gibt Berndt nach der Sprechstunde zu Protokoll. Und weil Rösler weiß, dass Berlin eben nicht die Wirklichkeit in der Republik widerspiegelt, fährt er nicht - wie vermutet - gleich zurück in die Hauptstadt, sondern begleitet Elgeti noch zu Hausbesuchen und informiert sich in Greifswald über die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Arzthelferinnen.

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