Ärzte Zeitung online, 03.09.2010

Verbände: Ärztemangel in Deutschland spitzt sich zu

BERLIN (hom). Der Ärztemangel in Deutschland schreitet voran. Laut einer aktuellen Erhebung von Bundesärztekammer (BÄK) und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) wird es bis zum Jahr 2020 voraussichtlich 7000 Hausärzte weniger geben als heute.

Verbände: Ärztemangel in Deutschland spitzt sich zu

Niedergelassene Kollegen machen seit einiger Zeit die Erfahrung, dass sie ihre Praxen nicht mehr los bekommen.

© dpa

KBV-Chef Dr. Andreas Köhler sprach bei der Vorstellung der mittlerweile fünften Studie zur Altersstruktur und Arztzahlentwicklung am Freitag in Berlin von "alarmierenden" Ergebnissen. Lange Zeit hätten Standesvertreter vor einem drohenden Medizinermangel gewarnt und seien dafür von vielen kritisiert worden. "Heute geben auch Politiker und Krankenkassen zu, dass wir direkt in einen Ärztemangel hineinlaufen", so Köhler.

Grund für den Ärztemangel ist der "doppelte demografische Wandel"

Laut der Studie von KBV und BÄK müssen bis zum Jahr 2020 allein im ambulanten Bereich rund 51800 Ärzte ersetzt werden, darunter knapp 24000 Hausärzte. Hauptgrund dafür sei der "doppelte demografische Wandel", sagte Köhler. Wegen der Alterung der Gesellschaft und des medizinischen Fortschritts steige der Behandlungsbedarf kräftig an. Gleichzeitig würden auch die Ärzte immer älter.

Für viele Praxen jener Ärzte, die in den Ruhestand treten, fänden sich keine Nachfolger. Viele Mediziner würden zudem nach dem Studium ins Ausland abwandern. Unter den Medizinstudenten wiederum steige die Zahl derer, die ihr Studium frühzeitig abbrechen würden.

Außerdem nehme die Zahl der Frauen in Arztberufen deutlich zu. Da sie sich stärker als ihre männlichen Kollegen familiären Aufgaben widmen würden, könnten sie auch weniger Arbeit pro Zeiteinheit zur Verfügung stellen. Vor diesem Hintergrund bedeute der Anstieg des Frauenanteils in der Ärzteschaft von 33,6 Prozent im Jahr 1991 auf 42,2 Prozent im Jahr 2009 eine "gewaltige Veränderung von zur Verfügung gestelltem Arbeitsvolumen", hieß es.

Auch in den Krankenhäusern ist die Personalsituation ähnlich angespannt

In den Krankenhäusern sei die Personalsituation ähnlich angespannt wie im niedergelassenen Bereich, sagte der Vize-Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Frank Ulrich Montgomery. Schon jetzt seien rund 5000 Arztstellen in Kliniken unbesetzt. In den kommenden zehn Jahren gingen etwa 20 000 Ober- und Chefärzte altersbedingt in den Ruhestand.

Um künftig mehr junge Menschen für den Arztberuf begeistern zu können, müsse dieser attraktiver gemacht werden. Arbeitgeber wie Politik seien gefragt, bessere Rahmenbedingungen zu schaffen. "Ärztliche Arbeit muss sich lohnen - privat und finanziell", sagte Montgomery.

Die Krankenkassen sprechen von "Zahltricksereien", um "milliardenschwere Honorarerhöhungen" durchzuboxen

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Die Krankenkassen wiesen die Darstellungen zurück und sprachen von "Zahltricksereien", mit denen die Ärzteverbände weitere "milliardenschwere Honorarerhöhungen" durchboxen wollten. Derzeit gebe es "mehr Fachärzte als genug", sagte der Vize-Chef des GKV-Spitzenverbands, Johann-Magnus von Stackelberg. "Und es gibt keinen seriösen Hinweis, dass sich dies in absehbarer Zeit ändern würde".

Probleme könne es künftig höchstens bei Hausärzten geben. Davon könnten "in wenigen Regionen" mehr gebraucht werden. "Deshalb fordern wir, dass sich alle Ärzte künftig nur noch in Regionen niederlassen dürfen, wo es einen echten Bedarf gibt. Überversorgung haben wir schon", sagte Stackelberg.

Auch KBV-Chef Köhler sprach sich für eine Umstellung der geltenden Bedarfsplanung auf eine "kleinräumige und sektorenübergreifende Versorgungsplanung ein. "Die heutige Bedarfsplanung ist ein Relikt aus Zeiten der sogenannten Ärzteschwemme und angesichts der drohenden Unterversorgung in vielen Regionen und Fachgebieten völlig ungeeignet", so Köhler.

Das Zentralinstitut für die vertragsärztliche Versorgung gehe derzeit im Auftrag der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) der Frage nach, welche Region sich altersmäßig wie verändere. Darauf basierend würden dann Bedarfsprognosen erstellt. So würden beispielsweise Kinderärzte in strukturschwachen Regionen, wo die Bevölkerungszahl rückläufig sei und Familien übermäßig stark abwanderten, "kaum noch gebraucht", so Köhler.

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Ermutigung, nicht Abschreckung!

[05.09.2010, 13:46:30]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Ärztemangel in Deutschland? Ja, Nein, Null Checkung!
Man/frau muss die Zahlen aus einer Erhebung der Bundesärztekammer (BÄK) nicht nur richtig lesen und interpretieren, sondern wir müssen sie auch verändern!

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und ihr Chef, Dr. med. Andreas Köhler vertreten seit vielen Jahren nur noch Facharzt-, Labor-, Medizintechnik- und Großpraxisinteressen. Sein Wehklagen über 7000 fehlende Hausarztstellen ist wirklich scheinheilig, da er der flächendeckenden allgemeinärztlichen Versorgung und dem Hausärzte-verband (HÄV) ständig das Wasser abgräbt. Hausärztinnen und -ärzte scheint es für ihn nicht mehr zu geben. Der Sicherstellungsauftrag ist löcherig wie ein Schweizer Käse. Auf dem Land herrschen akute, katastrophale Lücken in der hausärztlichen und z. T. auch schon in der fachärztlichen Versorgung.

Renommierte Kliniken haben reihenweise offene, unbesetzbare Stellen. Hier am Ort haben das städtische Klinikum Dortmund, mit über 3.000 Betten eine der größten kommunalen Kliniken in Europa, immer vakante Assistenzarztposten, ebenso wie das katholische St. Johannes-Hospital, ein Schwerpunktklinikum mit exzellenter Facharztpalette. Professor Dr. med. Virchow, Pulmonologe an der Uniklinik Rostock, berichtete mir gestern, sie hätten arge Mühe, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen (viele Bewerber genügen aber auch nicht basalen Anforderungen - PISA, sprachlich-rhetorische Probleme und irrelevante Abi-Noten lassen grüßen!).

Und dann kommt Kollege Blessing und erklärt uns die Welt. Er sollte doch nicht der Ärztestatistik der KBV und der BÄK glauben, die unterscheidet z. T. nicht mal nach Alter und Berufstätigkeit und zählt jeden mit, der die deutsche Approbation oder die Berechtigung zur Berufsausübung irgendwann mal erworben hat. Wir haben ca. 82.000.000 Einwohner (die Bundesregierung vermutet das, sie weiß es nicht genau) und ca. 120.000 zur vertragsärztlichen Versorgung zugelassene Ärzte. Das macht genau 1 "Kassen"-Arzt auf 683 Einwohner.

Das ist die Ansage, Herr Kollege Blessing, und nicht Ihr Unsinn von "Wenn sich die Pat. zukünftig um die Bezahlung d.Arztes kuemmern muessen", was immer das für eine krude Bedeutung haben soll,

fragt sich mit kollegialem Gruß, Ihr Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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[03.09.2010, 19:04:10]
Dr. Reiner Blessing 
Ärztemangel ist reine KV-Propaganda ! Die Arzt-Zahl muß noch deutlicher schrumpfen !
KV und Kammern gehen immer noch von der Wunschvorstellung aus, dass der Staat die Mittel für eine Vollkasko-Versicherung bereitstellt. Das ist pure Illusion ! Und die statist. Zahlen zum Umsatz sind getürkt, zB. incl. Klinik-Ambulanzen, incl. Verordnungen an die Pat. In Wirklichkeit können im Westen nur etwa die Hälfte der Praxen/Arztsitze ueberleben . Wenn sich die Pat. zukünftig um die Bezahlung d.Arztes kuemmern muessen, wird im Osten nur jede 4. Praxis überleben . Also werden wir weiterhin eine Aerzteschwemme haben. Das muss jeder Neustarter wissen. zum Beitrag »

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