Ärzte Zeitung, 22.11.2010

Gynäkologie-Praxen für Behinderte? Fehlanzeige!

Für Frauen mit Behinderung ist die Suche nach einem niedergelassenen Gynäkologen fast aussichtslos. Deutschlandweit können sie lediglich in vier Ambulanzen und Beratungsstellen versorgt werden.

Von Rebecca Beerheide

Gynäkologie-Praxen für Behinderte? Fehlanzeige!

Für eine Untersuchung für Frauen mit Behinderung benötigt es nicht nur einen höhenverstellbaren gynäkologischen Stuhl sondern auch einen Lifta (hinten rechts), mit dem die Frau in den Stuhl gehoben wird.

© Amper Kliniken AG Klinikum Dachau

Wer das Sprechstundenzimmer von Hannelore Sonnleitner-Doll betritt, dem fällt vor allem eins auf: In diesen Raum würden auch zwei Untersuchungszimmer passen, so viel Platz ist hier. Den braucht sie auch für ihre Patientinnen mit besonderen Ansprüchen - denn Frauen mit Behinderung finden selten eine Gynäkologin, die sie ambulant versorgt.

Gynäkologie-Praxen für Behinderte? Fehlanzeige!

Hannelore Sonnleitner-Doll bietet Vorsorgeuntersuchungen in der pro familia Beratungsstelle an.

© bee

Für Frauen im Rhein-Main-Gebiet ist die pro familia-Beratungsstelle in der Nähe des Frankfurter Palmengartens ein Stück Hoffnung. Denn hier bekommen sie fast alles, was sie für eine angemessene Untersuchung brauchen: Eine Ärztin ohne Vorurteile, Zeit, Platz und Barrierefreiheit.

Das Sprechzimmer von Sonnleitner-Doll bietet Raum für einen Rollstuhl, der gynäkologische Stuhl sowie eine Behandlungsliege können verschoben werden. Zur Not wird auch der Tisch aus dem Weg geräumt. "Hier sieht es manchmal aus, als hätte der Blitz eingeschlagen", erzählt sie.

Auch extra viel Zeit nimmt sie sich für die Patientinnen: An den zwei Sprechstundentagen in der Woche plant sie pro Untersuchung eine Stunde pro Frau ein - 45 Minuten mehr als Frauen ohne Behinderung in Praxen bekommen. Wenn eine Frau mit Behinderung zum ersten Mal in die Sprechstunde kommt, dann werden auch schon einmal eineinhalb Stunden eingeplant.

Diese Zeit brauchen die Frauen: Es dauert, bis die Anamnese erhoben ist, sie ausgezogen und die Gurte des elektrischen Hebelifts angelegt sind, mit dem sie auf den gynäkologischen Stuhl gehoben werden.

Abgewiesen werden, das ist für Behinderte Alltag

Bis die Patientin auf dem Stuhl gelagert ist, kann bis zu einer halben Stunde vergehen. Benötigt wird oft auch die Unterstützung einer Arzthelferin oder auch einer zweiten Pflegekraft. Auch die Untersuchung dauert je nach Art der Behinderung einige Zeit. Danach geht die Prozedur mit dem Hebelift von vorne los. Wer nicht in den gynäkologischen Stuhl gehoben werden kann, wird auf einer höhenverstellbaren Liege untersucht.

Rund 100 Frauen wurden so in dem Kooperationsprojekt von pro familia und dem Club Behinderter und ihrer Freunde Frankfurt (CebeeF) im vergangenen Jahr untersucht. Hier können allerdings nur Vorsorgeuntersuchungen vorgenommen werden, bei einem pathologischen Befund werden die Frauen an kooperierenden Kliniken weiterverwiesen. Der CebeeF übernimmt mit dem Fahrdienst den Transport dahin.

Umständliche Wege, warten und wieder abgewiesen werden: Das ist für viele Menschen mit Behinderung Alltag, wenn sie an die medizinische Versorgung denken. Seit nun zwei Jahren finden die Behindertenverbände Gewicht mit ihrer Forderung für besseren Zugang zum und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben:

Die Vereinten Nationen haben Ende 2006 eine Konvention für Menschen mit Behinderung verabschiedet. Darin ist auch festgehalten, dass Menschen mit Behinderung den gleichen Zugang zur medizinischen Versorgung erhalten, wie Nicht-Behinderte. Deutschland hat die Konvention 2008 verabschiedet.

Doch die großen Ziele wurden hier noch nicht angepackt, im Gegenteil: Zwar hat sich der Ärztetag 2009 in Mainz für eine Verbesserung der ambulanten Versorgungssituation ausgesprochen - doch außer einigen Konferenzen mit dem Ziel, mehr Engagement einzufordern, ist bisher wenig geschehen. Das legt den Verdacht nahe, dass sich nur schwer eine Lösung findet, wie viel Geld für den Mehraufwand bezahlt werden kann, der für die Versorgung von Menschen mit Behinderung benötigt wird.

In der ambulanten Gynäkologie ist die Versorgungslage dramatisch: Betroffenengruppen können in ganz Deutschland nur vier Anlaufstellen nennen, die ambulant Sprechstunden anbieten: in Berlin, Frankfurt, Bremen und Dachau. In Erlangen ist eine Ambulanz im Aufbau.

"Wir werden kaum Praxen finden, die sich speziell mit der Versorgung von Frauen mit Behinderung beschäftigen, wenn sich die finanzielle Situation für die längere Behandlung nicht verändert", sagt Dr. Christian Albring, der als Vorsitzender des Berufsverbandes der Gynäkologen rund 10 000 Gynäkologen vertritt, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

In seiner Praxis in Hannover integriert er nach eigener Aussage gelegentlich behinderte Frauen in die Sprechstunde. "Wir appellieren in Rundschreiben immer wieder an das persönliche Engagement der Ärzte", so Albring. "Besonders in den großen Städten sollte es möglich sein, auch eine ambulante Versorgung hinzubekommen", mahnt Albring.

Persönliches Engagement der Ärzte

Wie kompliziert es ist, selbst in der Umgebung von Großstädten die Versorgung zu organisieren, zeigt ein Beispiel aus Dachau bei München. In der Frauenklinik am Klinikum Dachau, das zur Amper Kliniken AG gehört, gibt es seit dem Jahr 2000 Bemühungen, eine gynäkologische Ambulanz für Frauen mit Behinderung aufzubauen.

Die Verhandlungen zwischen Kassen und der Regierung Oberbayern haben einige Zeit gedauert, bis die Einrichtung stand und die Zulassung erteilt war.

Seit gut drei Jahren können in Dachau nun Frauen mit körperlicher Behinderung betreut werden. Geführt wird die Ambulanz von Professor Gerlinde Debus, der Chefärztin der Frauenklinik, die eine persönliche Ermächtigung hat, um auch ambulante gynäkologische Leistungen erbringen zu können.

Gynäkologie-Praxen für Behinderte? Fehlanzeige!

Nimmt sich Zeit für behinderte Frauen: Professor Gerlinde Debus, Chefärztin der Frauenklinik in Dachau.

© Amper Kliniken AG Klinikum Dachau

In der Ambulanz vergibt sie pro Woche Termine an vier Patientinnen - und arbeitet zum gleichen Honorar wie niedergelassene Gynäkologen. "Ich sehe es als mein persönliches soziales Engagement an, ein spezielles Angebot an die Frauen machen zu können." Ohne Unterstützung ihres Arbeitgebers - an der Amper Kliniken AG hält auch der Klinikkonzern Rhön Anteile - würde das nicht gehen, fügt sie hinzu.

Zwar gab es zu Beginn des Projekts Verhandlungen mit den Kassen, um den erhöhten Aufwand extra zu vergüten, doch zu einem Ergebnis kam man nicht. Durch Spenden konnten der bewegliche und höhenverstellbare Untersuchungsstuhl und ein Hebelift beschafft werden.

Debus hat Verständnis für die niedergelassenen Kollegen, die die Behandlung von behinderten Frauen in ihrer Praxis nicht übernehmen. "Die eine Stunde, die ich mir pro Frau in der Sprechstunde Zeit nehme, wäre als Niedergelassene rein finanziell kaum möglich, abgesehen davon, dass ein barrierefreier Zugang die Voraussetzung ist", sagt sie im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Rund 130 Patientenkontakte aus dem Großraum München kann die Ambulanz pro Jahr verzeichnen. Inzwischen hat das Team um Professor Debus eine Zwischenbilanz des Projektes gezogen: Demnach kommen die meisten Frauen wegen einer Krebsvorsorgeuntersuchung in die Sprechstunde, rund 15 Prozent haben Fragen zur Empfängnisverhütung, weitere 15 Prozent haben Probleme bei der Menstruation.

Wie lange die Projekte Bestand haben, hängt vom persönlichen Engagement der Ärzte vor Ort ab. Bei pro familia in Frankfurt stößt man ein neues Projekt an: Geburtsvorbereitungskurse für Frauen mit Behinderung - wieder ein Vorhaben mit Vorreitercharakter.

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