Ärzte Zeitung, 29.11.2010

Pädiater: Wir haben Versorgung in Brennpunkten genau im Blick

Kinder- und Jugendärzte weisen Vorwurf zurück, sie würden Versorgung in Brennpunkten meiden.

KÖLN (iss). Die Pädiater im Rheinland wehren sich gegen Vorwürfe, sie würden die Versorgung von jungen Patienten in sozialen Brennpunkten vernachlässigen.

"Wir Kinder- und Jugendärzte kümmern uns sogar besonders intensiv um Kinder und Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen", sagt der Vorsitzende des nordrheinischen Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte Dr. Thomas Fischbach.

Die Mediziner sprechen mit Erziehern, Lehrern, Therapeuten und beraten Eltern in unterschiedlichen Fragen, betont Fischbach. "Dies geschieht mit hohem Zeitaufwand und weitgehend unbezahlt."

Die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) kritisiert, dass sich Pädiater im Ruhrgebiet in einkommensstarken Gegenden niederlassen und die sozialen Brennpunkte meiden. Als Konsequenz fordert Steffens ein stärkeres Mitspracherecht der Länder bei der Bedarfsplanung für pädiatrische Praxen und Änderungen bei der Honorarverteilung.

Im Ruhrgebiet gebe es genug Kinder- und Jugendärzte, um alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen gut medizinisch zu versorgen, sagt Fischbach. Eltern aus sozial schwachen Gegenden stellten ihre Kinder aus unterschiedlichen Gründen seltener beim Arzt vor. Doch seit die Vorsorgeuntersuchungen verpflichtend seien, sähen die Pädiater auch diese Kinder regelmäßig.

Dass die Mediziner ihre Praxen in "besseren" Vierteln haben und Eltern aus Brennpunkten zum Teil längere Wege zur Kinderarztpraxis in Kauf nehmen müssen, werde von Politik und Kassen billigend in Kauf genommen.

"Allein mit den skandalös niedrigen Kassenhonoraren können unsere Praxen wirtschaftlich nicht überleben", sagt er. Sie bräuchten Privatpatienten, um den Praxisbetrieb aufrecht erhalten zu können.

Fischbach begrüßt den Vorstoß der Ministerin für eine bessere Bezahlung der Pädiater. Eine Verkleinerung der Zulassungsbezirke hält er dagegen für den falschen Weg.

[30.11.2010, 17:32:46]
Gabriele Wagner 
In sozialen Brennpunkten stimmt die Versorgung schon lange nicht mehr
Per E-Mail erreichte uns dieser Kommentar von Dr. med. Thomas G. Schätzler:

Herr Kollege, Dr. med. Thomas Fischbach, "im Blick haben" allein gilt nicht. Die Versorgungsforschung und die Versorgungsrealität zeigen, dass die Beobachtung von Landesministerin Barbara Steffens zutrifft. In sozialen Brennpunkten stimmt die Versorgung schon lange nicht mehr. Und besonders im Bereich Allgemeine- Neuro- und Sozialpsychiatrische Pädiatrie.

Es ist ein Faktum, dass Haus- und Allgemeinärzte in vielen Regionen massiv aushelfen, unterstützen und nothelfen müssen. Ihr BVKJ-Berufsverband hat sich doch erst kürzlich eine Abmahnung eingefangen, weil er all zu abenteuerliche und z. T. schmähende Kritik an den "Treppenhausterriern" geübt hat. Wann setzen Sie endlich auf Kooperation statt Konfrontation? Und ganz im Vertrauen, so wie das ärztliche Honorar im Argen liegt, können wir mit dem RLV der Allgemeinärzte und hausärztliche Internisten in NRW ein gemeinsames Lied mit Ihnen und dem Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) singen.

Doch das bestätigt nur die von Ihnen bestrittenen Tatsachen: Die (risikoreiche) Niederlassung als Vertragsarzt folgt dem Geld und meidet gemeinsam mit den Banken (!) Soziale Brennpunkte. Oder, salopper ausgedrückt, "it's the economy, stupid!"

Mit freundlichen, kollegialen Grüßen, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM in Dortmund
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