Ärzte Zeitung online, 13.12.2010

Viele Bürger kennen ihre Rechte als Patienten nicht

Bertelsmann Stiftung befragt Menschen über ihren Informationsstand / Falsche Einschätzung der Früherkennung

BERLIN (af). Patientenrechte stehen auf der politischen Agenda - aus gutem Grund, denn rund ein Viertel aller Versicherten kennen nicht ihr Recht auf freie Klinikwahl, Einsicht in ihre Behandlungsunterlagen und darauf, dass ein Arzt nur mit ihrer Zustimmung Angehörige über ihren Gesundheitszustand informieren darf.

Viele Bürger kennen ihre Rechte als Patienten nicht

Professor Eckart Fiedler: Transparenz und Aufklärung verbessern die medizinische Versorgung.

© Barmer

Das stellt die Bertelsmann Stiftung in der aktuellen Ausgabe ihres Gesundheitsreports fest, für den sie eine repräsentative Auswahl von rund 1800 Menschen in Deutschland befragt hat. Viel zu viele Menschen klammern sich auch an Rechte, die sie gar nicht haben.

So sind rund 63 Prozent der Patienten davon überzeugt, die Originalunterlagen bei einem Arztwechsel mitnehmen zu dürfen. Erschreckend: 40 Prozent der Befragten sind der Meinung, ein Arzt sei rechtlich dazu verpflichtet, sie zu töten, wenn sie dies von ihm verlangten.

Während neun von zehn Befragten die Qualität eines Krankenhauses anhand der Häufigkeit von Behandlungen erkennen, herrschen bei Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) und dem Nutzen von Früherkennung viel Unsicherheit. Noch krasser verhält es sich bei der Patientenquittung.

38 Prozent beantworteten die Frage danach erst gar nicht, weil sie nichts mit ihr anfangen konnten. Nur ein Drittel hat eine ungefähre Vorstellung, was es damit auf sich haben könnte.

Grotesk überschätzt wird der Nutzen von Früherkennungsuntersuchungen. Fast die Hälfte der Befragten geht davon aus, dass ein PSA-Test oder ein Mamma-Screening zehn bis 50 Prozent der Untersuchten das Leben retten könne.

Mangelndes Vertrauen und fehlendes Wissen schmälere die Compliance und verursache dem Gesundheitswesen Kosten, kommentiert Professor Eckart Fiedler vom Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Universität Köln die Ergebnisse der Befragung. Umgekehrt verbesserten Transparenz und Aufklärung die medizinische Versorgung.

So wie es Ärzte-Leitlinien gebe, müsse es auch eine Patienten-Leitlinie geben, forderte er. Patienten, die über den Verlauf ihrer Krankheiten fortlaufend gut aufgeklärt seien, wiesen eine bessere Compliance auf, als solche, deren Patientenkarrieren ständige Brüche aufweisen.

Außerdem sei der informierte Patient eher vor nicht indizierten Leistungen gefeit. Fiedler forderte von der Politik, die über die verschiedenen Gesetzbücher verstreuten Patientenschutzrechte in einem einheitlichen und lesergerechten Patientenrechtegesetz zusammenzuführen und um einige Punkte zu erweitern.

So sollte es bei Behandlungsfehlern zu einer Beweislastumkehr kommen. Bislang muss ein Patient nachweisen, dass ihm durch eine Behandlung ein gesundheitlicher Schaden entstanden ist, selbst wenn ein Gutachter amtlich festgestellt hat, dass ein Fehler vorliegt.

Teilnehmer an klinischen Arzneimittelstudien sollten die Bereitschaft zur Teilnahme durch ihre Unterschriften dokumentieren müssen. Bislang ist dies nicht der Fall. Außerdem solle der Gesetzgeber im Sinne der Versicherten klären, wer über die Daten auf der künftigen Gesundheitskarte wie verfügen dürfe.

[14.12.2010, 23:07:49]
Dr. Philipp Stachwitz 
Neue Gesetze für die Gesundheitskarte?
Es gibt wohl kaum detailliertere Regelungen zur Verwendung von Daten als zu den Daten der elektronischen Gesundheitskarte. Prof. Fiedler scheint den § 291a SGB V nicht zu kennen - anders kann man sich diese von ihm erhobene Forderung kaum erklären...
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